Freitag, 5. Oktober 2012

Abstracts Fr + Sa


Fr / 05. Oktober 2012

ab 09:00 Registration                                                                                      

5 //  09:30 - 11:30 Panels

5.1  Workshop „Medien|Industrie|Spekulation“
HZ11
Moderation: Patrick Vonderau

Alexander Zons (Konstanz): Pre-Production – Zur kulturwissenschaftlichen Analyse der Filmindustrie
Skadi Loist (Hamburg): Filmfestivals – Vermittler oder Player der Filmindustrie?
Alexander Zahlten (Dongguk/Harvard): Industrielle Strukturen und filmischer Text in Japan
Patrick Vonderau (Stockholm): „Unblock Us“: Strategien des Digitalvertriebs in Europa


Abstract:
Der geplante Workshop macht aktuelle Fragen und Probleme der Medienindustrieforschung für den Austausch des Gründungstreffens produktiv. Er berührt das Konferenzthema der Spekulation dabei einerseits im ökonomisch/finanziellen Zusammenhang kommerziell ausgerichteter Medienindustrien, andererseits im Blick auf die Rolle projektiver Strategien und prognostischer Verfahren, die in die Produktion und den Vertrieb von Medien intervenieren. In den Beiträgen werden "Stationen der Produktgenese" abgeschritten, sowohl zeitlich am front-end und back-end der Produktion als auch räumlich über Hollywood, Europa und Asien. Alexander Zons widmet sein Augenmerk der Produktwerdung des Films in der Preproduction- Phase. An Arbeiten zur Genese von Märkten anschließend, soll der Prozess der Qualifizierung (Callon et al.) von Filmen im Blick auf ihren Entstehungsprozess dargestellt werden. Der Begriff der Qualifizierung erlaubt es, den Film als Produkt einer Reihe von Aushandlungsprozessen zu konzipieren, die entscheidende Bedeutung für die weitere Form seiner Zirkulation haben und damit erst den bestimmten, historisch konkretisierbaren Mediensachverhalt ‚Film’ schaffen. Daran anschließend betrachtet Skadi Loist neue Entwicklungen im institutionellen Kontext: Filmfestivals und ihre Märkte. Von ursprünglichen Präsentationsorten sind Festivals zum Vermittler zwischen Industrieakteuren geworden (Rüling) und avancieren derzeit selbst zu Playern der Filmindustrie (De Valck; Ross). Alexander Zahlten zeigt am Kontext der Filmindustrie Japans, wie die Medienindustrie nicht nur Diskurse über sich selbst produziert (Caldwell), sondern homolog zu den filmischen Texten auch selbst diskursspezifische Strukturen ausbildet. Patrick Vonderau schließlich widmet sich dem Hype, der von Seiten der Studios gegenwärtig mit Strategien des ‚connected viewing’ verknüpft wird, und den Problemen, die für sie aus der Umsetzung dieser Strategien in Europa entstehen.
5.2  Medien des Politischen zwischen
gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart
HZ12
Moderation: Nanna Heidenreich

Ulrike Bergemann (Paderborn)/Karin Harrasser (Braunschweig): Was wird politisch gewesen sein? Medien, Magie und eine Renaissance der Einbildungskraft
Abstract:

Eine Reihe von Theoretikerinnen haben in letzter Zeit versucht, ein neues Vokabular politischen Handelns in Anbetracht allgegenwärtiger TINA-Hypothesen zu entwerfen: Feminismus als inaugurale Freiheitspraxis (Linda Zerilli), Kosmopolitik als Konsequenz materialer Relationalität (Isabelle Stengers), politisches Handeln als Treue zum Problem (Donna Haraway). Den Vorschlägen ist gemeinsam, dass sie die vermittelnden/medialen Elemente der Konstitution politischer Subjektivitäten und Kollektive nicht als instrumentell und damit nebensächlich verstehen. Im Gegenteil versuchen sie, Vermittlungsprozesse mit mit Begriffen wie „radikale Einbildungskraft“, „Magie“ oder „spekulativer Materialismus“ auf überraschende Weise neu auszuleuchten. Die Frage einer stets fragilen Basis des Politischen wird damit von Wissens- und Identitätsfragen abgerückt und mediale Praxen (des Zeigens, des Erzählens, der Bildproduktion, der Konstruktion von Räumen) treten in den Vordergrund. Den Ansätzen ist weiterhin gemeinsam, dass sie Handeln als teilsouveräne Operation im Futur II auffassen: Aus einer kontingenten Geschichte heraus entsteht die (politische) Akteurin als eine, die in einem Kollektiv handelt, welches anerkennt, dass sie nur begrenzt weiß, was sie tut. Der Vortrag untersucht zentrale Vokabeln einer so gelagerten Idee des Politischen und destilliert daraus Anregungen für eine Konturierung und Erweiterung von Begriffen des Medialen.
Michael Andreas (Bochum): Spekulation und Faktualisierung – Mediale Formen illegalisierter
Migration
Abstract:
Illegalität und Illegalisierung von Migration bewegen sich in einem Spannungsfeld von Ideal und Möglichkeit einerseits, von Sichtbarmachung und Unsichtbarkeit andererseits. Legislativen stellen einen spekulativen Idealzustand im Futur her, das Gesetz entwirft die Utopie eines So-wird-es-sein. Diesen Setzungen beigeordnet sind Modalformen, die den Institutionen der Exekutive Spielräume zur Auslegung des Gesetzes und für Reaktionen auf Eventualitäten lassen. Beispielhaft heißt es im Gesetz zur Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung in der BRD vom 30.07.2004: »Die Ausländerbehörden können die [illegal eingereisten] Ausländer verpflichten, sich zu der Behörde zu begeben, die die Verteilung [auf temporäre Unterkünfte bis zur Entscheidung über einen Antrag auf Asyl] veranlasst.« Besonders eindrücklich zeigt sich das Spannungsfeld aus Ideal und Möglichkeit, aus Regierbarkeit und Widerstand an den medialen Formen, die illegale Migration begleiten: Ist Klandestinität darstellbar, und umgekehrt, greift Repräsentationskritik bei der visuellen Darstellung illegalisierter Migration noch? Wie tragen künstlerische Formen zur Visualität von illegalisierter Migration bei? Und welche Widerstände erzeugen Kunst und die medialen Praxen von Aktivismus?
Martin Doll (Luxembourg): Module einer anderen sozietären Ordnung: Charles Fouriers utopische Architektur – medientheoretisch reflektiert
Abstract:
Nicht erst seit den sogenannten arabischen Revolutionen wird bestimmten Medientechniken und -praxen eine eigene emanzipatorische Kraft attestiert. Ob es sich dabei um einen »onto-technologischen Trick« (Rancière), tatsächliche Effekte oder wirkmächtige Zuschreibungen eines »democratic mechanism« (Hardt/Negri) handelt, ist letztlich schwer zu entscheiden. Der Vortrag möchte daher einen historischen Beitrag zum Verständnis solcher Deutungen leisten und der – so die These – ähnlich gelagerten utopischen Architekturauffassung Charles Fouriers nachgehen. Zunächst soll kurz skizziert werden, wie Architektur überhaupt als Medium verstanden werden kann. Vor diesem Hintergrund wird dann die von Fourier geplante Siedlungsarchitektur, das sogenannte Phalanstère genauer betrachtet und gefragt, wie dieses, verstanden als operativer Raum, zur Bildung einer zukünftigen globalen emanzipatorischen sozialen Ordnung beitragen sollte. Thematisiert werden soll insbesondere, wie die Verhältnisse innen/außen, privat/öffentlich, Arbeit/Freizeit bzw. Bewegung/Ruhe baulich neu organisiert werden sollten.
Drehli Robnik (Wien): Messing with messianism – vom Ressentiment zur res: Atopische
Film- und Geschichtstheorie nach Kracauer
Abstract:
Wenn es darum geht, filmische Inszenierungen wieder – und über ›Ideologiekritik‹ hinaus – auf politische Dimensionen hin zu befragen, dann ist es wichtig, das Verhältnis zu theoretischen Positionen zu klären, die sich versuchsweise unter dem Aspekt des ›Messianischen‹ zusammenfassen lassen. Gemeint ist die Art, wie einige gegenwärtige radikale (wenn auch nicht unbedingt durchwegs ›radikaldemokratische‹, sondern vielleicht unter der Klammer ›postfundamentalistisch‹ subsumierbare) politische Theoriebildungen sich auf eine Erkenntnis- oder Versinnlichungsfunktion von Film berufen. Das geschieht auf mehr oder minder explizit messianische Weise mit apokalyptischem Akzent bei Agamben, mit heroisierendem Akzent bei Zizek; ein dem Film zugedachtes Pathos der ›Evidenz‹ bei Nancy oder der ›Reinigung‹ bei Badiou wären hier auch zu erwähnen. Aufschlussreich sind dabei die Stellen, an denen erstere beiden Autoren sich in problematischem Verständnis auf Siegfried Kracauer beziehen; aufschlussreich nicht bloß im Sinn der Exegese, sondern: An diesen Stellen lässt sich ein Unterschied betonen – zwischen Spieleinsätzen von Film in politischen Theoriebildungen, die Gesten des Ressentiments gegenüber als defizient verstandener Politik implizieren, und solchen, die aus weniger großen Fallhöhen auf Spielräume politischer Handlungsfähigkeit schauen. Konkret geht es darum, wie sich in Kracauers Verflechtung von Film- und Geschichtstheorie eine Verschiebung vollzieht: von einem Blick, der gesellschaftliche Verdinglichung als sinnentleert verwirft, hin zu einer am Film orientierten Perspektive, die am Utopischen nicht eine Offenbarungslehre von Heil oder Unheil starkmacht, sondern Momente des ›Atopischen‹: der Störung/Entgründung gegenüber gesellschaftlichen Platzzuweisungen. Der Begriff Atopie ist aus film- und medientheoretischen Schriften von Rancière entlehnt und dient mit zur Rahmung von Filmbildern einer Politik, die nicht von Erhebung oder Empörung über die Welt der Waren und Dinge ausgeht.
5.3  Techné / Mechané: Medienphilosophische Spekulationen II
HZ13
Moderation: Dieter Mersch, Georg Christoph Tholen, Rainer Leschke
Abstract:
Medien und Techniken sind weder bloße Prothesen oder Projektionen des Menschen noch Instrumente oder Apparaturen, die immer schon vorentschiedenen Zwecken dienen. Der landläufige Begriff des Technischen, der in seinem bipolaren Schema (Mittel und Zweck, Natürlichkeit versus Künstlichkeit) entweder anthropologisch oder mechanistisch verengt wurde, übersieht die eigenartige List der Techné, die erst etwas erscheinen lässt, und sei es die Welt der Instrumente, Apparaturen und Technologien. Anders wird die Techné der Technik und die Mechané der Maschinen lesbar, wenn sie als unvordenkliches oder unbedingtes Ereignis bzw. Enteignis jenseits des kategorialen Geltungsbereichs von Subjekt und Objekt (M. Heidegger, J. Derrida) lesbar gemacht wird. Die Zwischenwelt der ‚Transmissionen ohne Mission‘ (H.D. Bahr), in der sich die Technik- und Mediengeschichte von den Kraftmaschinen über die Werkzeugmaschinen bis zu den digitalen Symbolmaschinen als paradoxales Dispositiv von Verwendungen und Entwendungen, von Normierungen und spielerischen Distanznahmen, begreifen lässt, spricht von einer unbestimmbaren Offenheit des Technischen, über deren dissimulative Eigenart noch nicht genug spekuliert wurde.
Jan-Henrik Möller (Potsdam): Materialitätsvergessenheit und Begründungsdefizit bei Kittler
Andreas Beinsteiner (Innsbruck): Techné und Offenheit bei Heidegger
Jochen Venus (Siegen): Vom Milieu zum Instrument und zurück. Überlegungen zur Vorläufigkeit der Medientechnik
Seline Hippe (Friedrichshafen): Software als Medium und Technik struktureller Kopplung


5.4  Workshop.  Zwischen Präzision und Spekulation: Filmgeschichte schreiben
HZ14
Moderation: Chris Wahl

Elisabeth Büttner (Wien): Filmgeschichte als Motivgeschichte
Joseph Garncarz (Köln): Filmgeschichte als Aufführungsgeschichte
Alexandra Schneider (Amsterdam): Filmgeschichte als Heim- und Heimatdiskurs
Michael Wedel (Potsdam): Filmgeschichte als Krisengeschichte

Abstract:
Die Idee zu diesem Workshop ist aus einer von Vinzenz Hediger auf dem letzten Treffen der AG Film während der GfMTagung in Potsdam angestoßenen Diskussion entstanden. Die zentrale Frage dieser Diskussion war es, ob es nicht an der Zeit sei, eine mehrbändige deutsche Filmgeschichte zu erarbeiten und zu publizieren. In der Tat scheint es hier eine große Lücke zu geben: Die bei Metzler erschienene Geschichte des Deutschen Films aus dem Jahr 1993 kann mit ihren rund 500 Seiten keineswegs als umfassend bezeichnet werden und bewegt sich mit ihrer klassischen Einteilung in eine weitgehend nach Jahrzehnten unterteilte chronologische Abfolge sowie in die drei voneinander getrennten Kategorien Spielfilm, Dokumentarfilm und Experimentalfilm auf einem methodisch nicht mehr ganz aktuellen Level. Ähnliches gilt für die deutsche Fassung (2004) von Sabine Hakes 2002 erschienenem Band German National Cinema, der sicherlich eine ansprechende Einführung ins Thema darstellt, aber eben nicht mehr. Die Aufgabe des Workshops, dessen Titel an das Tagungsthema des Jahres 1988 der damaligen Gesellschaft für Film und Fernsehwissenschaft (GFF) angelehnt ist, soll es sein, die Notwendigkeit und Umsetzbarkeit eines solchen Unternehmens zu erörtern sowie verschiedene Strategien und Praktiken, Themen und Motive des zeitgemäßen filmhistorischen Arbeitens (mit dem Plenum) zu diskutieren. Hier einige Fragestellungen, die als Leitgedanken dieser Diskussion dienen sollen: Was für eine Leserschaft soll angesprochen werden? Ist die Filmgeschichte nur etwas für Spezialisten? Tragen die Möglichkeiten der neuen Medien zu einer Geschichtsvergessenheit bei, der es etwas entgegenzusetzen gilt? Wie kann man die junge Generation für Filmgeschichte begeistern? Wie muss heutzutage das Verhältnis von Text und Bild in einer Filmgeschichte aussehen? Sollte das Bewegtbild für die Illustration mit einbezogen werden? Ist eine mehrbändige Printausgabe überhaupt anzustreben oder doch eher ein EBook oder eine OnlineVersion? Müssen sich Filmhistoriker für die Freigabe von urheberrechtlich geschütztem Filmmaterial für Wissenschaft und Bildung einsetzen? Wie muss man „Film“ definieren? Inwiefern ist der Wandel des Verhältnisses von „Film“ und seiner Aufführungsdispositive zu thematisieren? Wie muss die Einbettung von „Film“ in die jeweiligen historischen Medienverbünde aussehen? Sollten die Bedingungen von Filmgeschichtsschreibung (z.B. Archive, Verfügbarkeit) stärker in den Vordergrund gestellt werden? Wäre es vernünftig, einen traditionelle, chronologische Erzählung der deutschen Filmgeschichte als Einstieg zu wählen und sie dann durch motivische, stilistische usw. Perspektiven zu erweitern / zu konterkarieren? Inwiefern sollte eine Filmgeschichte deutlich herausarbeiten, dass es neben Weiterentwicklungen auch Konstanten und Wiederholungen gibt? Ist es überhaupt noch sinnvoll, eine nationale Kinematographie zu beschreiben und zu beschwören? Gibt es Vorbilder, an denen man sich orientieren kann (z.B. aus Italien oder den USA)? Ist in einer deutschen Filmgeschichte auch die Rezeption fremdsprachiger Filme im deutschen Staatsgebiet zu beachten? Wie viele Autoren muss ein solches Projekt versammeln? Wer soll es leiten? Wie soll es finanziert und organisiert werden?

5.5  Workshop. Konstitutive Unsicherheiten des Fernsehens
HZ15

Ralf Adelmann (Paderborn): Keine Experimente? Unsicherheiten des Fernsehens im Internet
Christina Bartz (Paderborn): Unsichere Zuschauer
Judith Keilbach (Utrecht): Was könnte Fernsehen sein? Fernsehhistorische Experimente mit einem unsicheren Medium
Thomas Waitz (Wien): Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

5.6  Medien des Regierens – Auf den Wandel spekulieren
HZ10
Moderation: Mladen Gladic

Samuel Sieber (Basel): Disziplinierung, Regierung, Subjektivierung. Macht und Politik einer ‚medialen
Gouvernementalität‘
Abstract:
Das gegenwärtige, digitale „Zeitalter der Gouvernementalität“ (Foucault) ist von medialen Spekulationen genauso geprägt wie von spekulierenden Medien: Verdatungspraktiken und Modellierungsstrategien in Suchmaschinen und sozialen Netzwerken entwerfen nicht nur individualisierte, partizipierende Nutzerinnen und Nutzer, sondern spekulieren auch auf politische Modelle eines emanzipierten und demokratischen Bürgers. Politik und Macht dieser Spekulationspraktiken liegen in den disponierenden Strategien medialer Diskurs- und Sichtbarkeitsordnungen, die „Wahrheitsspiele“ und „Wissensregime“ (Foucault) konstituieren, diese aber zugleich problematisieren, transformieren und – nicht zuletzt – in sie intervenieren. Mediale Spekulationen sind so Teil flexibler, aber dennoch stabiler und kontrollierbarer (Macht- )Beziehungen, die für die „Gouvernementalität“ (Foucault) und „die Kontrollgesellschaft“ (Deleuze) gleichermassen programmatisch sind. Das zeigt sich besonders in den fortwährenden medialen Transformationsprozessen und intermedialen Bezugnahmen, brechen hier doch tradierte Diskursordnungen und Sichtbarkeitsregime auf, richten sich neu aus oder werden abgelöst. Dabei lösen sich die Normierung von Wahrnehmungsfeldern und die Strukturierung von diskursiven Formationen, wie sie in Konzepten einer Disziplinargesellschaft oder einer „Aufteilung des Sinnlichen“ (Rancière) zu fassen sind, nicht einfach auf. Die Macht- und Subjektivierungsstrategien medialer Dispositive erfahren aber eine Ergänzung durch flexiblere Praktiken der Selbst- und Fremdsteuerung, durch spezifische Subjektivierungsstrategien gouvernementaler Regierungs- und Selbsttechnologien. Der Beitrag widmet sich dieser gegenwärtigen Transformation und Persistenz medialer Machtbeziehungen, ihren politischen Zügen und Interventionsmöglichkeiten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der „Regierung des Selbst und der anderen“ (Foucault) durch mediale Dispositive.
Christoph Engemann (Weimar): 'Citoyen?! there is an app for that!'
Abstract:
Programme wie der in den USA von der Sunlight Foundation aufgelegte Wettbewerb 'Apps for America' fordern Individuen auf Code für den Staat und die Gesellschaft zu schreiben. In diesen werden die Formen der Staatsbürgerlichkeit und ihrer Implementierung unter neuen medialen Bedingungen artikuliert und kompetitiv ausgetragen. Der Beitrag wird ‘Apps for America’ und vergleichbare kontinentale Programme anhand der Prozeduren und Siegerapps der letzten Jahre vorstellen. Dabei soll gezeigt werden, dass die Re-Medialisierung von Staatlichkeit mit einer teilweisen Verschiebung ihrer Implementierung von öffentlich bestellten Institutionen hin zu gesellschaftlichen Akteuren und Individuen einhergeht. In dieser gouvernemedialen Praxis etablieren sich die neuen Medien der Staatlichkeit als und über ihre partizipativen Potenzen, die Bürger zum Mitschreibern am Code der gesellschaftlichen Organisation machen sollen. Daran anschließend lässt sich im Sinne des CFP ‘Spekulation’ die theoretische Frage aufmachen, inwieweit Formbegriffe wie der des Citoyen der spekulativen Philosophie, hier nicht als ideelle Konstrukte, sondern als medienmaterialistische Emanationen vorzuliegen beginnen. Also relationale Verhältnisbestimmungen wie sie in der idealistischen Philosophie Hegel als auch in der materialistischen Fassung von Marx ausgestellt werden, nicht mehr Konstruktionen sind, die sich in und durch die Denkbestimmungen der Individuen als ihre Medien konstituieren, sondern sozusagen 'real' werden, da sie Code werden. Ist also der zeitgenössische Citoyen demnach ein medialer Akteur, der die Veräußerung der als spekulativen Begriffe nicht positivierbaren gesellschaftlichen Strukturmomente in lesbare Zeichen und lauffähigen Code unternimmt? Markus Stauff (Amsterdam): Medienwechsel als Technologien des Selbst
Abstract:
Dass Medien die Rationalitäten des Regierens verändern, basiert nicht zuletzt darauf, dass sie die Herausbildung von ‘Praktiken des Selbst’ provozieren: Sie ermöglichen und erzwingen die ständige Re-Organisation des eigenen Lebens durch einen systematischen Gebrauch von tools, apps etc. Die staatlichen oder industriellen Regierungstechnologien können die Verhaltensmuster und Wissensformen dieser medialen ‚Praktiken des Selbst’ aufgreifen und dienstbar machen, sie können diese aber auch bekämpfen oder schlicht ignorieren. Die medialen ‚Praktiken des Selbst’ lassen sich zum einen in konkreten, einzelnen medialen Formen finden – in Reality TV-Sendungen, die Vorschläge für die Gestaltung des eigenen Lebens machen, oder in Computersoftware, die das Management des eigenen Alltags strukturiert. Besonders kennzeichnend für die gegenwärtige Entwicklung ist aber, dass die ‚Praktiken des Selbst’ eben nicht durch die Logik eines bestimmten Mediums und auch nicht durch ein reibungsloses Zusammenspiel mehrerer Medien gekennzeichnet sind, sondern vor allem durch die ständige Ablösung der verwendeten tools. Deshalb plädiert der Beitrag dafür, den forcierten Medienwechsel selbst auf seinen Beitrag zur Ausbildung von Regierungstechnologien zu befragen. Die Notwendigkeit, das eigene Verhalten fortlaufend an ein neues Interface und neue Steuerungsoptionen anzupassen, und das Versprechen, durch eine künftig optimierte Medientechnologie auch das eigene Leben optimieren zu können, verändern die Medienpraxis in ein auf Dauer gestelltes ‚Üben’. Charakteristisch für dieses Üben ist, dass es immer schon die Spekulation auf künftige Medienentwicklungen, die die aktuellen Möglichkeiten überbieten, beinhaltet. Der Vortrag wird diskutieren, wie sich in der Verschränkung von Einüben der gegebenen und Spekulieren auf die künftigen medientechnischen Möglichkeiten, Technologien des Selbst ausbilden, die nicht deckungsgleich sind mit den Funktionen eines gegebenen Mediums.
Benjamin Seibel (Darmstadt): Regierungsmaschinen – Zur Genese technomorpher Staatsmodellierungen
Abstract:
Folgt man Michel Foucault in seiner Definition von „Regierung“ als Inbegriff von Verfahrensweisen, „die den Zweck haben, das Verhalten der Menschen zu steuern“1, so gelangt man zu einer Konzeptualisierung von politischer Praxis als einen im Kern technischen Handlungszusammenhang, weshalb es nur folgerichtig erscheint, dass Foucault durchgängig von einer Analyse von Regierungstechniken spricht. Ebenso wenig kann überraschen, dass sich in der Geschichte politischer Rationalität ein kontinuierlicher Zug technomorpher Modellierung identifizieren lässt, nach dem der Staat – offenbar in enger Beziehung zum jeweiligen technischen Entwicklungsstand einer Gesellschaft – als mechanisches, thermodynamisches oder informationsverarbeitendes System erscheint. Nicht nur sind mediale Techniken also ein fester Bestandteil von Regierungsprozessen, sie wirken durch ihren Einsatz zugleich prägend auf Gesellschafts- und Staatsvorstellungen zurück. Diverse historische Untersuchungen, etwa von Otto Mayr, Philip Mirowski oder jüngst von John Agar, haben sich der eigentümlichen Gleichzeitigkeit von technischem und politischem Denken angenommen, die von Thomas Hobbes geometrisch-mechanischer Staatsphilosophie bis zur politischen Kybernetik des 20. Jahrhundert reicht und die in den gegenwärtigen Diskussionen um netzwerkförmige Organisationsformen eine erneute Aktualisierung erfährt. In der Vergangenheit wurde zumeist versucht, das Phänomen technomorpher Staatsmodellierung entweder metapherntheoretisch zu deuten oder als spezifische Ausprägung „technischer Rationalität“ zu interpretieren. Dagegen möchte der Vortrag dafür plädieren, Foucaults Konzept der „politischen Technologien“ beim Wort zu nehmen und eine dem Regieren immanente Technizität herauszuarbeiten, die sich auch in den „diagrammatischen“ Strategien der Macht niederschlägt. Mediale Techniken strukturieren demnach die Möglichkeitsräume, in denen Regierungen über die Mittel, Zwecke und Grenzen ihres Handelns spekulieren.  5.7 Schwingung, Schwankung, Kalkulation
NG 1.741a
Moderation: Ulrich Meurer

Daniela Olek & Christine Piepiorka (Bochum):
Spekulation als Spektakel – Gossip als plakativ spekulatives Spiel im TV
Abstract:
Gegenstand dieses Beitrags soll eine spezielle Form der Spekulation sein, der Gossip: zu deutsch ‚Klatsch’, der mit Lust in das Privatleben eindringt, hinter die Kulissen sehen und Geheimnisse aufdecken will, feststellen und öffentlich machen, wer was warum für sich behalten möchte (vgl. T h i e l e -Dohrmann 1995, 145). Und so lässt sich Gossip in der Serie GOSSIP GIRL (USA, The CW 2007-) sehr treffend beschreiben: Im Handlungsraum der fiktiven New Yorker ‚Upper Eastsider’, einer Gruppe mehr oder minder gut situierter Heranwachsender, berichtet und kommentiert die anonymer Bloggerin Gossip Girl von deren Privatleben, deckt ihre pikanten Geheimnisse auf oder streut Gerüchte. Über Voice-Over und mediale Vermittler – Visualisierungen von der Internetseite des Blogs und Textmitteilungen, in denen fotografische Elemente als Verstärkung bzw. Verifizierung der Spekulation fungieren – wird die Faszination für und die Lust am Spekulativen in dieser Serie zum Hauptgegenstand; zumal auch die Figur des Gossip Girl, deren Identität unbekannt ist, Teil der Spekulation ist. Ganz der in unserer Kultur verbreiteten negativen Konnotation von ‚Klatsch’ bzw. ‚Tratsch’ entsprechend, wird anhand gegenwärtiger Kommunikationsinfrastrukturen, welches fast schon als Persiflage gelesen werden kann, eine basale Funktion von (spekulativen) Narrationen entfaltet: zerstört das Spekulieren auf inhaltlicher Ebene die bestehenden und gefundenen Beziehungen, so stört es auf der strukturellen Ebene das Equilibrium der Narration. Das „tastende Moment der Unsicherheit“, das der Spekulation eingeschrieben ist, wird in dieser Serie als ausschlaggebender Faktor instrumentalisiert, der durch die Zerstörung bestehender Strukturen ein Feld indefiniter Möglichkeiten zur Hypothesenbildung öffnet. Spekulationen fungieren somit als entscheidende handlungsvorantreibende Elemente. Ausgehend vom neoformalistischen Ansatz Bordwell/ Thompsons soll in diesem Vortrag diskutiert werden, inwieweit die Serie GOSSIP GIRL durch den Einsatz des Voice-Overs und diegetischer Medien (Handy/Internet) das Konzept von story und plot sowie die Hypothesenbildung als plakativ spekulatives Spiel betreibt, so dass Spekulation sowohl zur Struktur als auch zur inhaltlichen Basis der story wird.
Stefan Werning / Reinhard Kunz (Bayreuth):
Vernetzung von Medienunternehmen als Form ‘gelenkter
Spekulation’ – Zur Vereinbarkeit medienwissenschaftlicher und medienökonomischer Konzepte
Abstract:
Die gegenwärtige medienwirtschaftliche Situation ist geprägt durch vielfältige Unsicherheiten, welche traditionelle Praktiken und Strukturen als in hohem Maße spekulativ erscheinen lassen. So sind Implikationen der anhaltenden Finanzkrise, wie etwa die strukturellen Implikationen globaler Spekulationsgeschäfte auf regionale content provider (Zademach), aus medienwissenschaftlicher Sicht bislang wenig aufgearbeitet worden. Als Folge davon sind immer häufiger granulare, vernetzte Geschäftsmodelle – im Folgenden als micro business models (MBMs) bezeichnet – zu beobachten, die aus vergleichender Perspektive als ‚Simulation’ möglicher Mediennutzungspraktiken und Wertschöpfungsansätze erscheinen. Diese Entwicklung lässt sich etwa mit den Methoden der production studies (Caldwell) sowie der software studies (Kitchin and Dodge) näherungsweise erfassen. Allerdings erfordert die neuartige Wechselbeziehung zwischen ökonomischen und technologischen Faktoren die Erweiterung produktiver Modelle wie des der sozio-technischen Systeme (Niederer and van Dijck) um eine ökonomische Komponente. Das Ziel des vorliegenden Vortrags besteht darin, zu erproben, inwieweit medienwissenschaftliche und medienökonomische Konzepte hierbei fruchtbar aufeinander bezogen werden können. Ein zentrales Beispiel ist dabei die augenscheinliche Kongruenz zwischen dem ökonomischen Wertnetzwerkmodell (Stabell & Fjeldstad), Formen ‚vernetzter Nutzung’ von MBMs sowie dem zunehmend zur Regel werdenden Ansatz der „transmedia storytelling“ (Bolin) als Anlage eines narrativen Netzwerks. Dezentralisierung als Form der ‚gelenkten Spekulation’ wird dementsprechend auf verschiedenen Ebenen zum strategischen Paradigma, um in einem unsicheren Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Ausgangssituation verweist auf die Notwendigkeit, ökonomische Konzepte im Rahmen des medienwissenschaftlichen Diskurses zu berücksichtigen. Daher soll der Vortrag Ansatzpunkte für eine mögliche Synthese medienwissenschaftlicher und medienökonomischer Konzepte bieten und Möglichkeiten sowie Grenzen einer trans-disziplinären Perspektive zur Diskussion stellen.  Bernd Leiendecker (Bochum): Der Saugnapf Gottes? - WM-Krakenorakel Paul im Spannungsfeld des medialen Diskurses
Abstract:
Wie kaum ein anderer Sport ist in Deutschland der Fußball Gegenstand von Spekulation. Fans, aber auch medial inszenierte Experten (zumeist ehemalige Spieler, Trainer oder Sportjournalisten) versuchen im Vorfeld jedes wichtigen Spiels Vorhersagen über den Ausgang zu treffen und selbst die ausgemachtesten Fachleute haben dabei eher wechselhaften Erfolg. Im Rahmen der Fußball-WM 2010 in Südafrika bekamen die sogenannten Experten unerwartete Konkurrenz. Paul, ein Kraken aus dem Oberhausener SeaLife-Aquarium, tippte alle sieben Spiele mit deutscher Beteiligung und das Finale richtig und wurde so zum heimlichen Star der WM. Eine Analyse des medialen Diskurses rund um das Phänomen erklärt nicht nur seinen kometenhaften Aufstieg von einer Fußnote auf der letzten Sportseite zu einem weltbekannten "Star", den Spaniens Ministerpräsident Zapatero unter Polizeischutz stellen möchte und dem Argentiniens Fußballidol Diego Maradona ins Grab hinterher twittert "Es ist Deine Schuld, dass wir die WM verloren haben." Der mediale Diskurs offenbart auch große Unsicherheit im Umgang mit Pauls Leistung, die häufig eine Flucht in ironische Distanz hervorruft, während der Diskurs dabei immer wieder zwischen verschiedenen Polen oszilliert. So sind Pauls Vorhersagen gegen Ende der WM plötzlich wichtig genug, um Gegenstand von Live-Übertragungen zu sein, gleichzeitig werden sie niemals wirklich Ernst genommen. Nicht genehme Vorhersagen werden von Experten und Fans wegerklärt, nur um im Anschluss an die tatsächliche Niederlage den Kraken sogar als Ursache für das negative Ergebnis zu verdammen. Auch die "Erklärung" für Pauls Tipps schwankt gewaltig, Ist er nun Orakel und somit nur das Medium, über das "der Fußballgott" befragt wird? Ist seine Fähigkeit nun ein Handwerk, in dem er nach der WM einen Nachfolger ausbilden soll? Oder hat er schlichtweg ein besonderes Talent, wie die Durchführung eines – erfolglosen – Castings zur Ermittlung von Pauls Nachfolger im Rahmen der Frauen-WM 2011 nahelegt? Womöglich ist Paul jedoch vor allem eines: die Entlarvung des medialen Fußballexperten als mäßig erfolgreichem Spekulanten.
Ulrich Meurer (Wien): Are you there? Von Edison und der Obsolenz des Lebendigen
Abstract:
Im Oktober 1920 teilt das American Magazine mit, Thomas Edison entwickle eine Maschine zur Kommunikation mit dem Jenseits. Der Bericht treibt spekulative Blüten – bald ist von geheimen Geisterexperimenten die Rede – und gibt zuletzt 2006 Anstoß für George Bonillas Trash- Horrorstreifen Edison Death Machine. Dabei wird in den zahlreichen Medienwechseln vom illustrierten Artikel über das ‚Spirit Phone’ zur technischen Erweckung von Verstorbenen im postmodernen Zombiefilm der Topos des Kontakts mit den Toten selbst als Wiedergänger kenntlich, der diverse Medienpraxen und -theorien durchzieht. Jenseits des Metaphorischen ließe er sich fassen als das Konzept einer Übermittlung von Information, ohne dass dabei die Anwesenheit zweier konkreter bzw. lebensweltlicher Aktanten sichergestellt oder auch nur notwendig wäre: Alle mediale Kommunikation bestünde so im Austausch mit einem bestenfalls imaginären Sender oder Empfänger – eine doppelte Spekulation, zum einen auf die unsichere Existenz eines geisterhaften Gegenübers, zum anderen auf seine nach dem eigenen Bild vorgestellte Beschaffenheit. Während dies, die Obsolenz eines kommunizierenden Subjekts, schon seit Alfred Vail und spätestens Shannon/Weaver für jedes Übertragungsmedium gilt, stellt sich die Frage in Bezug auf den Aufzeichnungs- und Abspielapparat des Films in neuer Weise. Einerseits scheint er als Speichermedium kaum für die Öffnung eines Kanals geeignet (es sind Telephon, Funksender und Fernsehen, die in filmischen Narrativen an seiner statt die Verbindung zum Jenseits herstellen). Andererseits erinnert Robert B. Ray daran, „that the Russian word for a film showing, céanc, not only sounds like the word séance, but also may be etymologically linked to it [...], a communion with the dead.“ So nimmt der Film – zwischen dem ‚Tod als Präsens’ im Übertragungsmedium und dem ‚Leben als Vergangenheit’ im Speichermedium – eine eigentümliche Stellung ein und wird durch das Verblassen eines Senders und die Hoffnung auf den Empfänger vielleicht zum Bild des Medialen schlechthin ...
Silke Fürst (Münster): Der Zuschauer als Spekulationsobjekt – Berechnende Kommunikation über das Medienpublikum
Abstract:
Medien berichten nicht nur über Dinge und Geschehnisse in der Welt, sondern werden zugleich immer auch als Projektionsfläche für das genutzt, was sich der direkten Beobachtung entzieht: ‚die öffentliche Meinung‘ und das, was erwartbar ‚in aller Munde‘ ist (vgl. Luhmann 1997). So ist es vor allem die Vorstellung von starker Verbreitung und Publikumswirksamkeit, die Medien ebenso streitbar wie attraktiv macht (vgl. z.B. Brichta 2010). Vorstellungen von der unterschiedlichen Verbreitung der Medien sind keinesfalls der reinen Spekulation überlassen. Die einst für Werbepreise aufbereiteten Nutzungskennzahlen haben längst Eingang in den Medienjournalismus gefunden und leiten die Kommunikation über Medienangebote (vgl. Stauff/Thiele 2007; Wehner 2010; Fürst 2011 und 2012). Der quantifizierende Vergleich (vgl. Heintz 2010) räumt aber nur auf den ersten Blick jedwede Form der Spekulation aus. Berichte über Quoten, Klicks und Auflagen zeigen nicht allein die Fakten aktueller Reichweiten auf. Sie verweisen auf ein vorhandenes Aufmerksamkeitspotential, das sich beständig neu auf die konkurrierenden Kommunikationsofferten verteilt. So mischen sich in die scheinbar harten Fakten allerlei Spekulationen, über instabile, tendenziell schwindende Publika oder solche, die exponentielles Wachstum ‚versprechen‘. Selbst über die sozial-dynamischen Effekte solcher Kommunikationen lässt sich spekulieren: Die Produktvermarktung setzt längst auf die Strategie des Erfolgs durch Erfolg (am Beispiel des „Bestsellers“ vgl. Fischer 1999: 770ff.). Gesteigert werden diese Tendenzen bei der Konstruktion einer Zuschauerschaft, die sich erst in der Zukunft formiert. Spekulationslust und -kritik entzünden sich hier an der Vorstellung einer berechnenden self-fulfilling prophecy. Diese Argumentation soll im Vortrag am Beispiel der vorausgesagten Zuschauer der jüngsten Hochzeit im britischen Königshaus veranschaulicht und diskutiert werden. Die vielfach kommunizierte Erwartung eines Publikums von weltweit zwei bis drei Milliarden Zuschauern nutzte die Evidenz statistischer Zahlen zur Konstruktion eines globalen Events und ließ zugleich die herkömmlich angenommene Kluft zwischen Fakt und Spekulation fragwürdiger erscheinen.

11:30 - 12:00 Kaffee


12:00 - 13:30 Treffen der Arbeitsgruppen

 13:45 - 15:00 Mittagessen


6 //  15:00 - 17:00 Panels

6.1  Panel: Spekulation in der Rekonstruktion von Filmgeschichte und Filmerfahrung
HZ11
Moderation: Barbara Flückiger

Anna Bohn (Berlin): Produktive Spekulationen.
Hypothesen in der Filmrestaurierung und Filmedition: authentische Anmutung, originale Fassung, Rekonstruktion, Ergänzung Abstract:
Mein Vortrag geht der Frage nach, inwiefern Filmrestaurierungen und Filmeditionen häufig Anteile des Spekulativen aufweisen. Anhand von Fallbeispielen aus der Filmrestaurierung zeige ich aus interdisziplinär vergleichender Perspektive den hypothetischen Anteil von Konzepten wie „authentische Anmutung (look)“, „originale Fassung“, „Restaurierung“. „Rekonstruktion“ bzw. „virtuelle Rekonstruktion“, „Ergänzung“ und „synthetische Fassung“ auf. Die Filmrestaurierung zielt in der Regel auf die Wiederherstellung einer „Originalfassung“ oder eines „originalen Zustands“ eines Filmwerks. Dieser kann allerdings in vielen Fällen nur hypothetisch und nicht mit Exaktheit bestimmt, sondern als ursprünglicher Zustand lediglich angenommen werden (Cherchi Usai 2001: 33). Laut der Charta von Venedig, die Grundprinzipien der Ethik der kunstwissenschaftlichen Restaurierung definiert, findet die Restaurierung „dort ihre Grenze, wo die Hypothese beginnt“ (Petzet 1992: 69). Dennoch weisen Rekonstruktionen notwendigerweise einen Anteil des Spekulativen auf. So beinhaltet die virtuelle Rekonstruktion als Modellierung virtueller Realität stets einen interpretatorischen und hypothetischen Anteil. Dmitrij Lichačevs (1971: 311) für die Textologie getroffene Definition der Rekonstruktion von Texten lässt auf die Filmrekonstruktion übertragen: auch Rekonstruktionen von Filmen sind notwendigerweise spekulativ, die Gestalt der Rekonstruktion ist immer eine Hypothese, deren Wahrheitsgehalt nur auf eine Weise nachgewiesen werden kann: durch das Auffinden einer neuen „Originalkopie“. In so einem Fall entfiele die Notwendigkeit zur Rekonstruktion überhaupt, als Film kann die neu aufgefundene Originalkopie ediert werden. In der Praxis werden die Materialien aber in der Regel ergänzt und komplettiert, so dass „synthetische Fassungen“ entstehen, die wiederum einen – mitunter stark – spekulativen Anteil aufweisen.
Wolfgang Fuhrmann (Zürich): Frühe deutsche ethnographische Filme: Eine ‚ungewollte’ historische Edition?
Abstract:
Dr. Wolfgang Fuhrmann, Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich
Frühe deutsche ethnographische Filme gehören zu den besterhaltesten und dokumentiertesten Beständen des frühen ethnographischen Films (Oksiloff 2001, 4). So auch die Filme des Völkerkundlers Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), die er 1911 auf seiner Reise in das Amazonasgebiet in Brasilien/ Guyana drehte. Sie zählen heute zu den ersten Aufnahmen ihrer Art aus dem Amazonasgebiet. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass es sich bei der Überlieferung seiner Filme um Fassungen aus der Frühzeit der Kinematographie handelt. Vielmehr wurde das Filmmaterial in den 60er Jahren einer gründlichen „wissenschaftlichen“ Bearbeitung unterzogen. Das gilt nicht nur für KochPanel: Grünbergs Filme, sondern für eine Vielzahl von Filmen, die lange Zeit im Bestand des IWF Missen und Medien, Göttingen zur Verfügung gestellt wurden. Wie der Vortrag zeigen wird, war der ursprüngliche Bestand der wiederentdeckten Filme Koch- Grünbergs seiner Zeit umfangreicher als das, was heute erhalten ist. Man fragt sich, was war auf dem ursprünglichen Material zu sehen, bzw. was wollte man nicht überliefern? Am Beispiel der Filme von Koch-Grünberg wird im Vortrag das Verhältnis von Ethnographie und Film sowie das Verhältnis von ethnographischem Film und dessen Überlieferung diskutiert. Frühe deutsche ethnographische Filme mögen zu den besterhaltenen und bestdokumentierten Beständen gehören, sie sind aber zuallererst Zeugnis eines spezifischen ethnologischen Wissenschaftsverständnisses. Der Vortrag lädt zur Spurensuche und Spekulation ein, was ein ethnographischer Film früher war bzw. heute ist.
Franziska Heller (Zürich): „Facts of the past or historical facts“? Der Ausschluss der digitalen Spekulation in der Film-Rekonstruktion
Abstract:
Fakten der Vergangenheit oder Tatsachen der Geschichtsschreibung? Nach der basalen Unterscheidung von Carr (1961) werden Ereignisse der Vergangenheit erst dann ‚historisch’, wenn sie absichtsvoll selektiert und in eine historiographische Narration eingebaut werden. Seit der New Film History mit ihren methodologischen Konsequenzen ist die Reflexion der Perspektiven- und Gegenstandsvielfalt der Filmgeschichte(n) Usus, die Offenlegung der unterschiedlichen (disziplinären) Interessen der jeweiligen historiographischen Autoren etabliert. Obwohl diese methodische Reflexionsebene in der Filmwissenschaft mittlerweile zum Konsens gehört, wird im Kontext der digitalen Distribution von neuen, aktuellen Filmfassungen und –rekonstruktionen allerdings genau die „imaginäre Dimension“ (Sorlin 1996) von Geschichtsschreibung meist weitgehend ausgeschlossen bzw. über Zuschreibungen an die digitale Domäne auf ein positivistisches Fundament gestellt. Dies geschieht vor allem zu Gunsten der affirmativen Konstruktion von einzigartigen, unveränderlichen filmischen Kunstwerken, die es gilt in ihrer Exklusivität – endlich die definitive Fassung zu sein –, „neu“ zu vermarkten. Dies ist umso pikanter, da die Bearbeitungs- und Eingriffsmöglichkeiten in das filmhistorische Material sich durch digitalen Technologien exponentiell gesteigert haben: fast „alles ist möglich“. In der Praxis entsteht so ein schwieriger Balanceakt aus historisierender Spekulation und philologischer editorischer Versicherung. Die vorgestellten Überlegungen problematisieren an konkreten Beispielen aktueller Film-Editionen jene marktorientierten Strategien, die Spekulationen in der Film-Rekonstruktion rhetorisch und argumentativ ausschliessen und vermeintlich negieren. Über diese Vermarktungsstrategien wird die massenmediale Wahrnehmung von Film- und Mediengeschichte verändert. Dies hat wiederum Einfluss auf unser Verständnis von den Qualitäten und Potentialen digitaler Medientechnologien.
Barbara Flückiger (Zürich): „It has to be a guess, but an informed guess.” Zur Rekonstruktion von Filmfarben im frühen Film
Abstract:
In unserem Gedächtnis und in der öffentlichen Wahrnehmung ist der frühe Film schwarz-weiß. Vor allem die applizierten Filmfarben – Tonung, Beiztonung, Virage, Schablonen- und Handkolorierung – sind mehrheitlich verschwunden. Teilweise konnten sie mit photo-chemischen Verfahren nicht repliziert werden, teilweise sind die eingefärbten Kopien verloren oder zerstört. Mit den digitalen Technologien stehen seit einigen Jahren Möglichkeiten zur Verfügung, dem frühen Film seine Farbe zurückzugeben. Eine Methode ist das sogenannte „Digital Desmet“, welche das von Noël Desmet vorgeschlagene Verfahren aufgreift. Dabei werden die in schwarz-weiß gescannten Filme szenenweise im Stil der Virage uniform digital eingefärbt. Andere Techniken werden derzeit entwickelt und getestet. Tatsächlich haben meine Recherchen gezeigt, dass die sehr viele frühe Farbprozesse hervorragend dokumentiert sind. Nach dem Studium von mehreren hundert Primärquellen sowie Archivrecherchen zu den verschiedenen Materialien zeigt sich ein sehr differenziertes Bild der verschiedenen Techniken und Ästhetiken. In einzelnen Fällen, zum Beispiel in einem Korpus des italienischen Film d’Arte der zweiten Periode, wurden die Farben sogar mit einem strikten Code notiert, der eine ziemlich genaue Rekonstruktion ermöglichte (Mazzanti 2009). Es stellt sich nun die Frage, wie sich diese Einsichten in konkrete Ansätze zur digitalen Rekonstruktion von frühen Filmfarben entwickeln lassen. Inwiefern können digitale Verfahren die Ästhetiken überhaupt replizieren und wo ist die sinnliche Anmutung unmittelbar an die materielle Beschaffenheit des Films geknüpft? Anhand eines Korpus von Einzelbildern aus standardisierten Musterbüchern der verschiedenen Farbprozesse von Eastman Kodak und Pathé diskutiert die Präsentation die Eigenheiten der Farbverteilung und der charakteristischen Zerfallsprozesse im Vergleich mit digitalen Restaurierungen, mit dem Ziel, die schwierige Frage nach dem Verhältnis von authentischer Erfahrung und deren Nachbildung zu reflektieren. Und schließlich geht es auf einer höheren Ebene darum, das Verhältnis zwischen Authentizität, Spekulation und Rekonstruktion mitzudenken.
6.2  Finanzkrise
HZ12
Moderation: Jens Schröter

Miriam Drewes (München/Wien): Spekulationen?
Kapitalismuskritik als Medienkritik
Abstract:
„Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein“. Als mit diesem Goethe -Zitat ein Vertreter der OccupyWallStreet-Bewegung während eines Protestmarsches am 28. September 2011 aufwartete, bündelten sich darin mehrere Aspekte: Es handelte sich nicht allein um eine durchaus auch als schlicht zu interpretierende Kapitalismuskritik. Kritik am als entfesselt wahrgenommenen Gebaren der Finanzspekulationen Spekulationsgeschehen des an Welthandels der Finanzmärkten. Es wurde vielmehr virulent, dass Kapitalismuskritik und Kulturkritik eine enge Verbindung aufweisen, die sich, darüber hinaus, durch eine lange historische Tradition auszeichnet. Dabei stellen sich angesichts der jüngsten auch in den unterschiedlichsten Medien anzutreffenden Renaissance der Kapitalismuskritik zwei Fragen: In wieweit ist die Kapitalismuskritik – als Kulturkritik begriffen – wenn nicht länger oder vielmehr nicht allein ein „Modell der Reflexion“ (Georg Bollenbeck), selbst ein Modell der Spekulation? Zum anderen stellt sich die Frage nach der Verbindung von Kapitalismuskritik und Medienkritik heute. Die Spekulation als Modus der Fiktion, der Annahme, der Antizipation oder auch der falschen Vermutung, ist, so die These, Teil der Medienkritik, die den Schein nicht länger, wie in der herkömmlichen Medienkritik von Rousseau bis zur Performance-Theorie der Gegenwart, als Verblendungszusammenhang begreift, sondern als produktives Moment, die Ambivalenz zwischen Kritik und ihrer Negation auszuagieren. Der Tagungsbeitrag will dementsprechend die Zirkularität von Kapitalismuskritik Kapitalismuskritik als Medienkritik nicht allein diskurshistorisch erläutern, sondern, darüber hinaus, an einem konkreten Beispiel aus dem Medium Film zur Anschauung bringen. Am Beispiel von Peter Weirs „The Truman Show“ (1998) soll gezeigt werden, dass nicht allein der Inhalt des Films Medienkritik und darüber hinaus Kapitalismuskritik über sämtliche Spielarten der Fiktionalität zum Thema macht. Zudem soll gezeigt die These formuliert und belegt werden, dass der Film als Medium der Spekulation schlechthin in einem System beheimatet ist, das die Kapitalismuskritik je immer schon mit ihrer Negation, also der Affirmation des kapitalistischen Prinzips, vereinte.

Sophie Rudolph (St. Gallen): Boxende Banker und Geisterstädte: Traders und Cleveland versus Wall Street von Jean-Stéphane Bron
Abstract:
Der Film Cleveland versus Wall Street (CH/F 2010) des Westschweizer Regisseurs Jean Stéphane Bron dokumentiert ein fiktives Gerichtsverfahren, das nie stattgefunden hat, aber hätte stattfinden können. Am 11. Januar 2008 klagen der von der Stadt Cleveland, Ohio, beauftragte Anwalt Josh Cohen und seine Partner gegen 21 Banken, die für die Zwangsversteigerung von Immobilien verantwortlich gemacht werden, welche die Stadt Cleveland ruinieren. Die Banken der Wall Street verhindern diesen Prozess jedoch mit allen Mitteln, der Film stellt ihn daher nach. Das Projekt, das sich eindeutig auf die Seite der Opfer stellt, lotet die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation aus und präsentiert sich als "allgemeingültige Fabel über den Kapitalismus" (swissfilms.ch). Zwar ist der Prozess fiktiv, der Hintergrund, die Protagonisten und die Zeugenaussagen sind jedoch real. Der Titel Cleveland versus Wall Street betont den Kampf zwischen der mit den Vermögenswerten anderer Leute spekulierenden, abgehobenen Finanzwelt und den Bewohnern einer Kleinstadt, die als Folge der SubprimeKrise zusehen müssen, wie ihre ehemaligen Wohnquartiere zu Geisterstädten werden. Der ein Jahr zuvor entstandene Film Traders (Bron, 2009) über die „Wall Street Charity Boxing Championship“ die am 14. September 2008 stattfand, der Tag an dem die Bank Lehman Brothers Konkurs machte, konzentriert sich hingegen auf ritualisierte Kämpfe in zwei Arenen: dem Boxring und dem „trade floor“. Der Vortrag untersucht Cleveland versus Wall Street als Spekulation über die Wirklichkeit und die Fernsehdokumentation Traders als Inszenierung des Spekulativen. Hierbei gilt es im Sinne Bruno Latours Zirkulationen zu folgen und Realität und die Praktiken ihrer Inszenierung zueinander in Beziehung zu setzen. Das nüchterne Reizwort „Wall Street“ ist dabei der Ausgangspunkt eines riskanten Berichts, der die Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktionen zunehmend verschwimmen lässt und Raum für Spekulationen öffnet.

Jan Distelmeyer (Potsdam): Krisenfest. Spekulationen zum Untergang und seiner Vermeidung
Abstract:
In den Kommentaren und öffentlich verhandelten Bildern zu den Entwicklungen der Bankenbranche, der Finanzmärkte und der „Weltwirtschaft“ genannten Ökonomiebeziehungen dominieren seit 2008 Bilder der Katastrophe und Apokalypse. Die Vokabeln dieses internationalen Katastrophen-Diskurses (hier: in den USA und Deutschland) werden immer wieder ähnlich gefügt: Der „Untergang“ der US-Investmentbank Lehman Brothers, auch als „Lehman-Katastrophe“ bezeichnet, mit der „die Finanzkrise“ ihren Anfang genommen habe, führte in eine „globale Wirtschaftskatastrophe“. Zeitschriftencover zeigen einen brennenden Planeten, alles verschlingende Malströme, stürzende Flugzeuge – „Gelduntergang“. Die Rhetorik zur „Euro-Rettung“ operiert mit der Abwendung der „ökonomischen Apokalypse “, die Kapitalismuskritik des Manifests Der kommende Aufstand konstatiert die stattfindende „Katastrophe“ und das allgemeine „Gefühl des bevorstehenden Zusammenbruchs“. Vor diesem Hintergrund möchte ich zeitgenössische Katastrophen-Filme wie z.B. THE HAPPENING, 2012, CONTAGION, MARGIN CALL, HELL, MELANCHOLIA und PERFECT SENSE daraufhin untersuchen, welche Bedrohung von dem dort verhandelten Desaster je ausgeht. Dabei geht es mir nicht etwa darum, Spuren oder Effekte politischer und sozialer Entwicklungen im populären Kino zu verfolgen, wie das im Hinblick auf „9/11“ so oft versucht worden ist. Mich interessiert stattdessen das Verhältnis von Präsentationsstrategien: Ähnlichkeiten und Differenzen der Filme untereinander und in ihrer Beziehung zum ökonomischen Katastrophen-Diskurs. Hilfreich ist dabei der Rückblick auf die 1970er Jahre, die sowohl die bedeutende Hollywood- Hochzeit des Disaster Films (von AIRPORT bis METEOR) als auch des Verschwörungs- Thrillers (von KLUTE bis WINTER KILLS) hervorgebracht haben. Wie sich in den gegenwärtigen Katastrophen-Filmen beide Strömungen der 1970er – Disaster & Conspiracy – verbinden, ist nicht unwichtig für die Beziehung zu den verbreiteten Bildern der „ökonomischen Katastrophe“. So richtet sich die von Fredric Jameson zum Conspiracy Plot aufgeworfen Frage nach dem Verhältnis von Innen und Außen auch an die zeitgenössischen Filme. Anders gefragt: Ist ein Jenseits des Untergangs vorstellbar?
Jens Schröter (Siegen): Spekulation mit dem und über das Medium Geld
Abstract:
Eine GfM-Jahrestagung zum Thema ‚Spekulation‘ zu machen dürfte sich nicht unwesentlich der Krise des globalen Kapitalismus seit 2008 verdanken. Dabei werden im Abstract der Tagung erst die von Marx gestellten Fragen als überholt verworfen und vorgeschlagen sie durch eine ‚Analyse der Signal- und Zeichenlogik der Finanzmärkte und der symbolischen Formen virtueller Wertschöpfung‘ zu ersetzen. Diese wird im zweiten Schritt allerdings auf die ‚kommunikativen Tricks, die Täuschungsmanöver und das wahre Ausmaß der Ruchlosigkeit der Spekulanten‘ reduziert. Im Hintergrund der Krise stehen offenbar ruchlose Spekulanten. Diese Form der Reduktion der Krise auf personale Urheber ist allerdings problematisch (schon wegen der gefährlichen historischen Konnotationen). In dem Vortrag soll hingegen auf Marx rekurriert werden, der nicht nur keineswegs überholt ist, sondern in gewisser Weise jetzt erst aktuell wird und daher nicht zufällig in den letzten Jahren eine erneute Konjunktur erlebt. Nach Marx ist die Krise keiner Verschwörung von Spekulanten geschuldet, sondern ein strukturelles Problem. Dieses kann mit einem auf eine spezifische Weise neu gelesenen Marx v.a. deswegen beschrieben werden – und das macht seine Anschlussfähigkeit an heutige medienwissenschaftliche Fragestellungen aus -, weil das Geld (als Ausdruck des Werts) als ein Medium mit einer Eigendynamik erscheint. Dies unterscheidet Marx’ Ansatz von der heute hegemonialen neoklassischen VWL, wo Geld als bloß funktionales und transparentes Mittel der eigentlichen Tauschhandlungen erscheint, also als Medium gerade neutralisiert wird. Bei Marx hingegen verselbständigt es sich als ‚Fetisch‘ zu einem ‚automatischen Subjekt‘ (Kapital, Bd. 1, MEW, S. 169). Aus dieser Beschreibung kann man eine eskalative Krisendynamik ableiten, die sich mit den heutigen Beobachtungen zu decken scheint. Der Vortrag plädiert letztlich dafür die Marxsche Wertformanalyse als eine Art Medientheorie des Geldes zu lesen.
6.3  Dokumentarische Spekulationen: Mediale Aufklärungsversuche der Finanzkrise 2008/2009 in Fernsehen, Film und Internet
HZ13
Moderation: Angela Keppler

Am Anfang war die Pleite. Das Aus der renommierten Investmentbank Lehmann Brothers im Herbst 2008 wird gemeinhin als der Startschuss für eine der gewaltigsten Finanzkrisen seit der Einführung der Börse genannt. Die massiven Einbrüche auf den globalen Finanzmärkten katapultierten Informationen aus und über die Finanzwelt auf die medialen Agenden. Dort sollte informiert, aufgeklärt und insbesondere auch erklärt werden, was kaum noch jemand zu verstehen schien. Dies geschah auf sämtlichen Kanälen: im Fernsehen, in Zeitungen, im Internet, im Radio und im Kino. Hauptangeklagte sämtlicher medialer Aufklärungsversuche ist die Spekulation. Mit der Spekulation, als ein Hybrid aus Expertenwissen und demokratischer Chance für Jedermann, steht gleichzeitig eine grundlegende Handlungsmaxime kapitalistischer Gesellschaften am Pranger: der Zweck heiligt die Mittel. Auf Basis dieser Überlegung stellt das Panel folgende Fragen: Wie verfahren die Medien bei ihrer Anklage? Wie inszenieren die Medien die Spekulation? Welche Alternativen zeigen Sie auf? Wie verfahren die Medien mit der Kontingenz der Spekulation? Die Frage nach der medialen Inszenierung von und Aufklärung über die Spekulation birgt zudem einen besonderen Clou: Denn die Erklärungsangebote selbst stellen letztlich auch wiederum nur weitere Spekulationen über den Hergang der Dinge dar. Die Montage der Bilder im Rahmen eines Dokumentarfilms hat selbst Züge einer Spekulation darüber, wie es gewesen sein könnte und insbesondere auch darüber, wie es in Zukunft sein sollte. Die narrativen Strategien des Dokumentarischen spekulieren dabei stets auch auf ihre Überzeugungskraft, wenn sie ihre Weltdarbietungen inszenieren. Dieses Spekulieren über die eigene Form ist dabei mit dem Erstellen von Versuchsanordnungen verbunden, die die jeweils behandelten Krisen erklären könnten. Auch seriöse Aufklärungsversuche wie beispielsweise Charles Fergusons Dokumentarfilm Inside Job werfen daher nicht nur die Frage nach einem gerechten Markt auf, sondern auch nach der Rolle der Medien und der Verantwortlichkeit jedes Bürgers. Diesen Fragen möchte das Panel „Dokumentarische Spekulationen: Mediale Aufklärungsversuche der Finanzkrise 2008/2009“ nachgehen. Im Fokus stehen verschiedene dokumentarische Verfahren wie beispielsweise die Chartanalysen ebenso wie die aufwendigen Aufklärungsversuche im Rahmen von Dokumentarfilmen (Inside Job, Capitalism A Love Story), Spielfilmen und Fernsehmagazinen. Damit verortet sich das Panel insbesondere in zwei von den im Call der GfM vorgeschlagenen Themengebiete: Zum einen „Spekulative Erzählungen, spekulative Strukturen: Fakten, Fiktionen“ und zum anderen „Spekulation und Observation von Märkten: Medien und Semantiken der Finanzkrise“.
Jens Eder (Mannheim): Finanzfilme: Spekulation und Dokumentation
Abstract:
In den letzten Jahren sind mehrere erfolgreiche Dokumentarfilme entstanden, die sich auf unterschiedliche Weise mit den aktuellen Problemen und Krisen des Finanzsystems auseinander setzen. Im Vergleich von Filmen wie Let’s Make Money (2008), Capitalism-A Love Story (2009) und Inside Job (2010) arbeitet der Vortrag deren je spezifische Ziele und Schwerpunkte, ihre Strategien der Kritik, Rhetorik und Ästhetik heraus. Eine Schwierigkeit, mit der alle Dokumentarfilme über das Finanzwesen konfrontiert sind, besteht darin, überaus komplexe und abstrakte Vorgänge mit audiovisuellen Mitteln in kurzer Zeit darzustellen. Wie kann dies gelingen? Wie gehen die Filmemacher - meist keine Finanzexperten - mit dieser Herausforderung um, welche kreativen Lösungen finden sie?
Ralf Adelmann (Paderborn): Im Netz der Spekulationen: Interdependenzen
zwischen Finanzsystem und Internet
Abstract: -

Kathrin Lämmle (Mannheim): Spekulation im Spiegel – der spekulative Charakter der Fernsehmagazine Alexander Kluges und die Darbietung des Spekulativen in ihnen Abstract: -
Anja Peltzer (Mannheim): The Good, the Bad and the Broker – Die Inszenierung des Spekulanten im Gegenwartskino Abstract: -

6.4  Spiel als Medium der Spekulation II:
Das Spiel und seine SpielerInnen als Spekulationsobjekte
HZ14
Moderation: Markus Rautzenberg

Thomas Klein (Mainz): Turing Heroes: Die spielerische Überwindung der Spekulation in komplexen
Täuschungsmanövern
Abstract:
Im Zuge der Digitalisierung der Filmproduktion ist eine Zunahme filmischer Dramaturgien festzustellen, die eine nahezu digitale Logik des Handlungsablaufs simulieren, obwohl es um eigentlich hoch spekulative, weil spielerische Vorgänge geht. Nicht zuletzt Heist-Movies demonstrieren eine algorithmisch funktionierende Planbarkeit von komplexen Handlungszusammenhängen, die, da nur interaktiv und interpersonell planbar, in hohem Maße störanfällig sind. In den OceanFilmen von Steven Soderbergh wird diese Vorgehensweise reflexiv auf die Spitze getrieben. Zum einen spielen die Filme in Las Vegas, wo die ludische Spekulation in Form des Glücksspiels ihre Zentrale hat. Zum anderen werden an diesem Ort nicht nur handlungsfähige (was ohnehin typisch für den Hollywoodfilm ist), sondern den Verlauf eines komplexen Plans souverän beherrschende Protagonisten inszeniert, als seien sie die Spieler eines algorithmisch bereits vorprogrammierten Computerspiels. So wird am Ort des Zockens (Spielcasino) genau das Gegenteil, die Hybris des perfekten Planspiels simuliert, deren lediglich temporäre Störungen wie letztlich stets überwindbare Hindernisse in einem Computerspiel organisiert sind. Hinzu kommt, dass die Planung und Durchführung des 'heist' mittels modernster digitaler Technik geschieht und das heist-Team aus Computerspezialisten besteht, die jeden Star-Programmierer auf dem Softwaremarkt vor Neid erblassen lassen. So entsteht nur eine scheinbar durch Täuschungsmanöver des Zuschauers spekulative Erzählung (im Übrigen auch in Inception), die eigentlich eine vom Risiko befreite algorithmische Planbarkeit komplexer Handlungsabfolgen suggeriert.

Judith Ackermann, Katrin Bache (Bonn): Shooting Gamers – spekulative Momente in der filmischen Darstellung von ComputerspielerInnen
Abstract:
Computerspiele sind vom Nischenphänomen zum Alltagsmedium geworden. Doch lange vor diesem Wandel übten sie bereits eine enorme Faszination auf die Gesellschaft aus, die sich auch im Film wiederfinden lässt. Produktionen wie Tron (Steven Lisberger, USA 1982) oder WarGames (John Badham, USA 1983) sind Zeugnisse dieses Interesses. In der fiktionalen Darstellung der NutzerInnen wird ein ganz spezifisches Bild des Computerspielers konstruiert, welches in erster Linie spekulativ als faszinierter Blick von außen auf diese neue subkulturelle Gruppierung eingestuft werden kann. Hierdurch bildet sich ein Klischee darüber aus, wie die RezipientInnen sich Computerspiele und ihre NutzerInnen vorzustellen haben. Zu fragen bleibt jedoch, inwiefern dieses Bild der ComputerspielerInnen der Realität entspricht. Der Vortrag setzt zu Beginn der 1980er Jahre ein, dem Zeitpunkt des Einzugs des Computer und Videospiels in das häusliche Umfeld. Es werden unterschiedliche „Zeitalter“ der Computer und Videospielentwicklung identifiziert und die fiktionale Darstellung des „typischen“ Computerspielers im Film den jeweiligen technischen Neuentwicklungen und dem Stand der Wissenschaft der jeweiligen Zeit gegenübergestellt. Hierzu werden unter anderem mithilfe von Figurenanalysen verschiedene Kategorien der filmischen Repräsentation von ComputerspielerInnen erarbeitet. Der Vortrag geht der Frage nach, ob sich die Darstellung von ComputerspielerInnen im Film mit zunehmender Verbreitung, Akzeptanz, kritischer Diskussion und Vertrautheit mit dem Medium wandelt, oder ob diese nicht immer noch spürbar durch das ursprüngliche spekulative Moment der frühen Darstellungen beeinflusst ist.

Felix Raczkowski (Bochum): Gamification, Serious Games und die Spekulation am Spiel
Abstract:
‚Gamification‘ bezeichnet eine disparate Gruppe von (populären) Ansätzen, die seit ca. drei Jahren in Zusammenhang mit Videospieltheorien, aber auch Optimierungsdiskursen und GameDesign Konzepten in Erscheinung tritt. Der Begriff steht dabei für die ‚VerSpielung‘ nichtspielerischer Vorgänge mit dem erklärten Ziel, sich spezifische Eigenheiten des digitalen Spiels und seiner Spieler zunutze zu machen, um einen Zweck zu verfolgen, der außerhalb des eigentlichen Spiels liegt. Die Ziele dieses zweckorientierten Spielens (oder dieser spielerischen Zweckorientierung) reichen dabei von der Unternehmensoptimierung über die Mitarbeitermotivation bis hin zu Werbestrategien und Selbsttechniken. Zusammen mit dem in den 70er Jahren erstmals aufgekommenen Diskurs um den systematischen, pädagogisch zielgerichteten Einsatz von Spielen im Bildungswesen, sogenannten ‚Serious Games‘, entwerfen die verschiedenen Facetten der Gamification eine Perspektive auf das (digitale) Spiel, die als stark spekulativ bezeichnet werden kann. Grundlage sowohl des Projekts der Gamification wie auch der aktuellen Serious Games sind implizite Annahmen und Hypothesen über die Natur digitaler Spiele. Die spekulativen Zuschreibungen charakterisieren digitale Spiele als behavioristische Konditionierungsapparate sowie als kybernetische Systeme, welche die ihnen eigenen künstlichen Anforderungsstrukturen derart für ihre Spieler naturalisieren, dass diese Spielmechaniken wiederum von ihren Spielen entkoppelt als Mittel für die oben erwähnten Zwecke Verwendung finden können. Als spekulativ erweist sich in diesem Kontext nicht nur die Reduktion von digitalen Spielen (bzw. ihre Zuspitzung) auf kybernetische Strukturen, sondern in gleichem Maße auch die damit verknüpften Aussagen zum Verhältnis des Menschen zu seinen Spielen (und ihren Medien). Das Ziel des Beitrags besteht darin, durch ein Herausarbeiten des von Gamification und Serious Games implizierten Spielbegriffs die spekulativen Risiken dieser Ansätze offen zu legen und sie gleichzeitig historisch zu klassischen pädagogischen und entwicklungsphysiologischen Theorien ins Verhältnis zu setzen. In diesem Zusammenhang wird auch über die Differenzen und Relationen zwischen Spiel und spielen zu sprechen sein.

Rolf F. Nohr (Braunschweig): Die Einübung der Spekulation. Ökonomische Rationalität im
Unternehmensplanspiel der 50er Jahre
Abstract:
Das Unternehmensplanspiel (UPS) entsteht nach dem Zweiten Weltkrieg an einem Umbruch der Steuerungslogik der Gesellschaft am Schnittpunkt von Unternehmensführung und ökonomischen Paradigmen. Gleichzeitig ist das UPS eine Kulturtechnik, die durch das Medium Computer und über Informatik und Medialität, Kriegswissenschaft und Operation Research auch über die Grenzen einer reinen Führungsausbildung oder Unternehmensprognostik in die Gesamtgesellschaft hinein wirkt. In den computergestützten Planspielen der 50er Jahre werden Handlungssteuerung, Wissenstransformation sowie die Adaption an ein neues Medium und einen veränderten Rationalitätsbegriff ›gespielt‹. Das UPS ist somit eine ›Maschine‹ der Wissenstransformation und der Herausbildung von Adaptionsvorlagen für das »unternehmerische Selbst« (Ulrich Bröckling), die primär ›Führungspersonal‹ adressiert. Die Vorstellung der auszubildenden Führungspersonen (oder genereller Spieler) als ›pädagogisierbare Einheiten des Produktionsprozesses‹ soll einer steigenden Spezialisierung und Scientifizierung der Wirtschafts und Unternehmensordnung Rechnung tragen und trägt zur Implementierung einer spezifischen ökonomischen Rationalität bei. Das UPS wird so als eine diskursive ›Verdichtung‹ erkennbar, die verschiedene dispositive Konstellationen vereint Maßgebliches Mittel einer solchen ›operativen Pädagogik‹ ist die konstatierte Probehandlungsfunktion des UPS; also das ›konsequenzfreie‹ Ausagieren von Führungsentscheidungen in Modellsituationen mit dem Ziel, das eigene Handeln vermittelt durch die algorithmisch quantifizierte Bewertung der Spielleistung zu optimieren und an ökonomische Parameter zu adjustieren. Paradigmen von operation research, scientific managment und Kybernetik greifen – befeuert von Versprechen einer spezifischen Rationalität der frühen Computerkultur – über die Idee des Probehandelns, des Simulierens und des Spielens auf das Subjekt zu. Die Spekulation verbirgt sich dabei – zumindest in der ersten Phase der Planspielspielgeschichte – im Paradigma der Modell und Simulationstheorie: UPS setzen auf das ›Durchspielen‹ von modelrationalen Szenarien auch um prognostisch und stochastisch Aussagen über zukünftige Szenarien zu ermöglichen. Die ›Führungspersönlichkeit‹ des Managers adaptiert sich damit nicht nur an Figuren der externen Beratung, der Modellierbarkeit von Entscheidungsprozessen (oder den Wunschkonstellationen des Computers), sondern auch an ein spezifisches, als scientizistischrational ausgewiesenes Modell ökonomischer Spekulation.

6.5  Das Gewisse und das Ungewisse – Spekulieren als Spannung zwischen
Bildform und Körpererleben
HZ10
Moderation: Herman Kappelhoff

Jan-Hendrik Bakels (Berlin): Die Ästhetik des Spekulativen. Auslassung, Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit in den Filmen Darren Aronofskys
Abstract:

Auf den aktuellen filmtheoretischen Diskurs zum unzuverlässigen Erzählen angewandt, birgt der Begriff der Spekulation das Potential, die Frage nach dem Verhältnis von Film und Zuschauer zu vertiefen: Begreifen wir den Film als eine Anordnung audiovisueller Bilder, die sich repräsentativ zur Alltagswelt verhält? Oder vielmehr als eine imaginäre Tätigkeit des Zuschauers, die an die leibliche Empfindung von Bildern, Tönen, Farben und Bewegungen gebunden ist? Im Eingangs erwähnten Kontext scheint die Idee der Spekulation diesen theoretischen Überlegungen nahezustehen, ist doch das Konzept des zuverlässigen Erzählens eng an die Vorstellung einer intersubjektiven Nachvollziehbarkeit, einer Evidenz des Faktischen gebunden. Damit liegt der Gedanke nahe, tendenziell zwischen einem objektiven und einem spekulativen Erzählen im fiktionalen Kino zu unterscheiden. Doch ist die Idee einer objektiven Referenzgröße überhaupt mit dem Konzept des fiktionalen Erzählens vereinbar? Kann Fiktion spekulieren? Oder muss die Domäne des Spekulativen im fiktionalen Kino vielmehr abseits der Leinwand gesucht werden – im Dunkel des Kinosaals, im Körper des Zuschauers? Auslassungen, Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit bilden Konstanten im Werk des Regisseurs Darren Aronofsky. Seine Filme erscheinen somit als Gegenstand einer filmanalytischen Reflektion der Ästhetik des Spekulativen prädestiniert. Aronofskys Film The Fountain realisiert sich als die Erfahrung eines komplexen Spiels aus Doppelfiguren, Wiederholungen, Analogien und Verweisen, deren zeitliche Anordnung mitunter sprunghaft und unbestimmt wirkt. Lässt man jedoch die Kontrastfolie eines zuverlässigen, eindeutigen Erzählens bei Seite, lässt sich dieses Spiel filmanalytisch als eine ästhetische Strategie fassen, die – dem Horror, der Action oder dem Suspense gleich – ihre Struktur der Adressierung einer spezifischen Erfahrungsweise verdankt. In diesem Fall: der SelbstErfahrung des Zuschauers als spekulierendes Subjekt.

Sarah Greifenstein und Hauke Lehmann (Berlin): Poetiken des Suspense – Erwarten, Vorausahnen, Spekulieren (doppelvortrag 40 min.)
Abstract:
Suspense ist in der Filmwissenschaft ein gut erforschtes Phänomen; die Ansätze reichen von kognitivistischen über bildtheoretische Ansätze bis hin zu wahrnehmungspsychologisch orientierten Perspektiven. Ein Großteil der theoretischen Zugänge konzeptualisiert mit dem Begriff Suspense eine Form der Zuschaueraktivität in enger Abhängigkeit von filmischen Strukturbildungen. Meist wird diese Aktivität als eine rein kognitive Angelegenheit beschrieben, die auf Informationserwerb, logisches Verstehen, Hypothesenbildung und bewusste Antizipation ausgerichtet ist – der Zuschauer als Spekulant. Begreift man jedoch Spekulation nicht als eine entkörperlichte Tätigkeit, sondern als einen Vorgang, der den Zuschauer in seiner Leiblichkeit ganzheitlich einbezieht, verschiebt sich auch die Perspektive auf den Begriff des Suspense: so wird es nun möglich, mit dem Suspense eine Art und Weise der Wahrnehmungsgestaltung zu fassen, die auf der Ebene kinematographischer Bildformen über detaillierte Analysen beschreibbar wird. Damit ist die Dramaturgie der plotbezogenen Informationsvergabe nurmehr ein Faktor unter vielen, welche mit der Wahrnehmungstätigkeit des Zuschauers interagieren und die Intensität seiner emotionalen Einbezogenheit über die Dauer des Films hinweg strukturieren. In den Vordergrund tritt währenddessen das filmische Zusammenspiel von Zeitgestaltung und Bewegungsanordnung, wie es ein wörtliches Verständnis von »Suspense« als »Aufhebung« oder »Aufschiebung« nahelegt. Dieses Zusammenspiel resultiert in der spezifischen Empfindung eines spannungsreichen In derSchwebeGehaltenSeins, wie es sich für unterschiedliche Filmpoetiken analytisch nachweisen lässt. Der Vortrag verfolgt das Ziel, das Ineinander von kognitiver und leiblichaffektiver Aktivität des Zuschauers zum einen theoretisch zu konzeptualisieren und zum anderen an ausgewählten Filmbeispielen anschaulich nachvollziehbar zu machen.

Moritz Schumm (Berlin): Spekulierende Lebenswelten in den Filmen Joel und Ethan Coens
Abstract:
Dass es den Brüdern Joel und Ethan Coen gelungen ist, eine Eigenständigkeit und Originalität des Stils zu kultivieren, scheint schon durch die Kreierung des Attributs coenesk verbürgt. Zur Klärung des spezifisch Gemeinsamen ihrer Filme bildet der einfache Verweis auf die Autorschaft jedoch einen nur sehr vagen Rahmen. Mit dem Begriff der Spekulation, verstanden als Vertrauen auf und Bauen von Annahmen, denen keine letztgültige Gewissheit zuerkannt werden kann, scheint sich jedoch eine inszenatorische Strategie aufweisen zu lassen, die, mit weitreichenden Konsequenzen für Ästhetik und Rezeption, den Filmen der Coens gemein ist. So verkehren die Coens das gewohnte Verhältnis von filmischer Welt und den ihr eingeschriebenen Figuren. Denn mit dem deutlichen Schwerpunkt auf letzteren und ihren konkreten bis karikierenden Ausformulierungen zu je eigenen „Lebenswelten“ bilden sie erst in ihren Begegnungen und Konflikten die filmische Welt und deren Entwicklungen. Eine vermeintliche Objektivität der filmischen Welt, der die Zuschauer Vertrauen schenken zu können glauben, wird hierdurch zum reinen Spiel der Intersubjektivität. Und in gleicher Weise werden auch Sehen und Denken zu spekulativen Tätigkeiten mit je eigenen Prämissen und nicht bestimmbaren Konsequenzen. Was für die Protagonisten ein immer wieder neu inszeniertes Scheitern provoziert, eröffnet dem Zuschauer auf diese Weise eine veränderte Sicht auf den Film und seine Darstellungen. Auch er muss sich, durch Brüche mit Konventionen, falsche Fährten und fortgeführte Unbestimmtheiten, auf ein je eigenes „ZurWeltSein“ einschränken. In gleicher Weise eröffnen die Bilder aber durch diesen Multiperspektivismus auch ein kalkuliertes Auffächern der vermeintlichen Bestimmtheit der filmischen Welt in ihre unterschiedlichen lebensweltlichen Intentionen, Auslegungen und Aneignungen – und erlaubt so einen Einblick in die Gemachtheit und Wandelbarkeit ihrer Zustände.

6.6  Bildgrenzen und Wahrnehmungsprozesse
HZ15
Moderation: Matthias Christen
Margret Hoppe (Offenbach): Raumwahrnehmung und Materialität bei analoger und digitaler Fotografie
Abstract: -

Tania Ost (Offenbach):  Spekulation in Langzeitprojekten der Porträtfotografie
Abstract:
Gegeben sei: Ein Fotograf, ein Gesicht, zwei Bilder, viele Betrachter und dazwischen Zeitraum für Spekulation. Ausgangspunkt sind zwei Fotografien und drei Tätigkeiten1 – operator, spectrum, spectator. Zunächst stellt sich die Frage, ob der Fotograf über die lange Zeit zwischen den Aufnahmen dem Gesicht näherkam oder dessen Medienfähigkeit wuchs. Im Wechsel – wie in der Gleichzeitigkeit – von Authentizität und Inszenierung beträgt die Entstehungszeit der zwei Bilder vermutlich mehr als nur die reine Belichtungszeit. Über die Zeit lichten die Fotografen überwiegend vertraute Gesichter ab, denn Familie und Freunde sind meist allzeit verfügbar, während andere Modelle eine feste Verabredung voraussetzen. Hingegen der Gesichtsausdruck schwankt immer zwischen Natürlichkeit und Pose. Während im Entstehungsprozess der zeitlich weit auseinanderliegenden Bilder der Fotograf seinen Blick für das sich wandelnde Gesicht wahrscheinlich ändert, und sich damit Raum für Spekulation öffnet, weitet sich das Feld der Spekulation entscheidend, sobald der Betrachter auf den Plan tritt: Zählen die zwei Bilder zu einem privaten Familienalbum, so sind Fotograf, Modell und wenige, ›vertraute‹ Betrachter die Hauptrezipienten und Erinnerungen werden wach. Zählen die zwei Bilder hingegen zum künstlerisch angelegten Langzeitprojekt in der Porträtfotografie, so sind ›fremde‹ Betrachter die Hauptrezipienten. Der ›fremde‹ Betrachter wird zwischen Vorher und Nachher die Bilder wie Suchbilder vergleichen. Wonach er sucht, ob nach Veränderungen oder nach dem Gleichbleibenden im Wandel, hängt unter anderem von den zeitlichen Abständen zwischen den Aufnahmen ab: Denn Menschen, denen wir selten begegnen, können wir besser Entwicklungen ablesen, als ihr direktes Umfeld es vermag – und genauso scheinen wir für diejenigen, die uns täglich sehen, nie zu altern. Es geht etwas unmerklich vor, das erst über die Zeit merklich wird. Der ›fremde‹ Betrachter entwickelt bzw. hypostasiert vielleicht auch nur – ausgehend von den einzelnen Momentaufnahmen, der implizierten Zeit und der eigenen Lebenserfahrung – eine dazwischenliegende ›Erzählung‹, oder er setzt diese gleichsam voraus. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Anteil des Hypothetischen bei den Betrachtungsweisen der Langzeitprojekte in der Porträtfotografie.
Kathrin Rothemund (Lüneburg): Out of focus? – (Un)schärfe und Vagheit als visuelles Spekulieren in Filmbildern
Abstract:
Durch die Veränderungen, die mit digitaler Technik und High Definition Einzug in die audiovisuelle Gestaltung erhalten haben, scheint in den letzten Jahren der Bildschärfe und somit auch ihrer Antithese, der bildlichen Unschärfe, eine besondere Stellung zuzukommen. Bildschärfe ist jedoch schon lange ein visuelles Phänomen, welches sich über verschiedene Kunstformen und in der Fotographie ebenso wie beim Film nachzeichnen lässt. Seit Beginn des Kinos ist die Frage nach der Schärfe des Bildes sowohl apparativ als auch stilistisch zu verstehen und zeigt in exponierter Weise das wechselseitige Verhältnis von Technik und Ästhetik, das dem Filmdispositiv grundlegend inhärent ist. Der Grad der Bildschärfe kann dabei sowohl vom Projektionsapparat als auch durch die Gestaltung des Filmbildes selbst bestimmt sein. Diesem doppelten Zugang zur Schärfe liegt ein großer Möglichkeitsraum in Bezug auf Wahrnehmung und Interpretation zugrunde. Insbesondere in Bildern der Unschärfe, Vagheit oder Verschwommenheit lassen sich visuelle Unbestimmtheitsstellen aufzeigen, die in sich immer auch das Potential von Klarheit und Schärfe beinhalten, welches einerseits durch eine apparative Nachjustierung oder andererseits durch eine ästhetische Auflösung eingelöst werden kann. Dies lädt somit zum Nachdenken über die allen Bildern (vermeintlich) zugrunde liegende Schärfe und Klarheit ein und antizipiert in der Unschärfe und Vagheit das, was nicht vollständig ist, aber sein kann. Anhand verschiedener Filmbeispiele soll daher über die verschiedenen Bedeutungen von Bildern der Unschärfe spekuliert und der Fokus auf die Potentialität der visuellen Vagheit gelenkt werden.
6.7  Das spekulative Potenzial visueller Medien. Sprachliche Evokationen des Nicht-Sichtbaren in Film, Comic und Computerspiel
NG 1.741a
Moderation: Maike Sarah Reinerth

Julian Hanich (Berlin): Suggestive Verbalisierungen. Botenbericht, Mauerschau und andere Formen sprachlicher Evokation im Film
Abstract:
Michel Chion hat in seinem beeindruckenden Buch Film, a Sound Art (2009) kürzlich an die evokative Kraft der Worte im Kino erinnert. Dabei berührte er einen Punkt, der für die Frage nach der Imaginationstätigkeit des Zuschauers von großer und – ich würde behaupten – weitgehend unterschätzter Bedeutung ist. Häufiger als es uns Zuschauern bewusst ist, arbeiten Filmemacher nämlich mit suggestiven Verbalisierungen nicht gezeigter Ereignisse und Zustände, die uns zum mentalen Visualisieren herausfordern, ja uns gelegentlich sogar dazu zwingen, Dinge auszumalen und vor das ‚innere Auge’ zu rufen. Diese Formen sprachlicher Evokation können sowohl das Schildern von Handlungen als auch das Beschreiben von Zuständen umfassen. In meinem Vortrag möchte ich anhand von Beispielen aus Eyes Wide Shut (Stanley Kubrick), Halloween (John Carpenter) und Weekend (Jean-Luc Godard) eine Typologie suggestiver Verbalisierungen vorstellen sowie ihre ästhetischen Funktionen untersuchen.
Markus Kuhn (Hamburg): Ton vs. Bild. Formen autonomen sprachlichen und auditiven Erzählens im Film
Abstract:
Sprachliches Erzählen kann im Mehrkanalmedium Film – grob vereinfacht – komplementär zum audiovisuellen Erzählen angelegt sein oder sich vom audiovisuellen Erzählen lösen. Während ersterer Fall – besonders im Mainstreamkino – dominiert und als nicht-markierter Normalfall gelten kann, ergeben sich in letzterem Fall interessante Konstellationen, weil etwas sprachlich erzählt wird, das auch visuell repräsentiert werden könnte und ggf. in einem Spannungsverhältnis zum Visuellen steht. Drei Varianten dieser Konstellation möchte ich in meinem Vortrag vorstellen: 1. Formen sprachlichen Erzählens auf intradiegetischer Ebene; wenn also eine Figur zum Erzähler wird, deren Erzählung nicht visuell unterstützt wird (wie z. B. in Persona von Ingmar Bergman). 2. Voice-over-Erzählungen, die nicht vom Bild paraphrasiert oder komplementiert werden, bis hin zu radikalen Formen, in denen ein Voice-over erzählt, während das Bild monochrom bleibt (wie z. B. in Blue von Derek Jarman). 3. Formen, in denen sich die auditive Ebene (Dialoge und Sounds) vom Bild löst und (kurzfristig) eine eigenständige diegetisch-szenische Ebene konstituiert, die das Visuelle ergänzt oder kontrastiert (wie z. B. in Pierrot le fou von Jean-Luc Godard). In allen drei Varianten – so die Arbeitshypothese – kommt es zu erzählerischen Evokationen des Nicht-Gezeigten, wird der Rezipient zur aktiven Imagination genötigt, gerade weil das Medium auch eine visuelle Repräsentation erlauben würde. Die erste Variante ist zugleich Ausgangspunkt meiner Überlegungen und Anschlusspunkt an den Vortrag von Julian Hanich, sodass seine phänomenologisch grundierten Beobachtungen mit meinen narratologisch geprägten konfrontiert werden. In der zweiten und dritten Variante kommt es zu einer scheinbaren Autonomie des Sprachlich-Auditiven, das jedoch immer in einem zumindest assoziativen Spannungsverhältnis zur visuellen Ebene steht.
Stephan Packard (Freiburg): Schrift statt Bild statt Bild wie Schrift. Wenn Comics besprechen, ohne zu zeigen
Abstract:
Comics verwenden nicht nur Bild und Schrift, sondern Bilder wie Schrift: Auch ›pantomimische‹ Comics, die ohne Sprache auskommen, serialisieren und linearisieren Bilder, sodass strukturelle Ähnlichkeiten zur Schrift eine besondere Lesbarkeit herstellen (vgl. immer noch Krafft 1978). Dass es pantomimische Comics gibt, ist ein Gemeinplatz der Comicforschung; der umgekehrte Fall, in dem Schrift ohne Bilder im Comic erscheint, rückt erst seit kurzem in den Blick (vgl. Hertrampf 2012), auch weil er wohl nur gemischt auftreten kann, wenn es sich denn um einen Comic handeln soll: In bestimmten Passagen oder in bestimmten Beziehungen reden Comics von ihren Gegenständen, ohne sie zu zeigen. Dieser Beitrag will an Beispielen aus Mainstream- und aus avancierten Comics drei der Fragen nachgehen, die sich dann stellen: Wo und wozu werden Comics avisuell? Was geschieht mit dem Bilder- und dem Bild-Schrift-Gefüge an diesen Stellen? Und wie wird dabei Sagbarkeit und Sichtbarkeit in der Aufteilung des Sinnlichen (Rancière 2000) neu verhandelt?
Hans-Joachim Backe (Bochum): Sprache und narrative Distanz im Computerspiel. Erzählen – Zeigen – Simulieren
Abstract:
Computerspiele benutzen, genau wie andere audiovisuelle Medien, gesprochene und geschriebene Sprache für vielfältige Zwecke. Während sie im Film selbst dann noch eine herausgehobene Position einnimmt, wenn man wie Peter Verstraten (2009) Seymour Chatmans These ihrer Dominanz über die Bildebene ablehnt, lässt sich die Bedeutung von Sprache in Spielen nicht so eindeutig bestimmen. In den letzten zehn Jahren hat sich zusehends Gonzalo Frascas Sichtweise durchgesetzt, den Simulationsaspekt von Spielen in den Vordergrund zu stellen, und Konzepte wie Ian Bogosts procedural rhetoric zeigen nachdrücklich, dass die choreographierte Abfolge von Ereignissen und Handlungen hier die Sinnstiftung bestimmt. Ungeachtet dieser generellen Medienspezifik lässt sich gerade in betont filmisch gestalteten Mainstream-Spielen sehr häufig beobachten, dass Sprache und Schrift punktuell deutlich privilegiert werden. Der Vortrag geht anhand einer Reihe von Beispielen der Frage nach, welchen Zwecken diese Hinwendung zur Sprache dient und welche Anwendungsweisen sich unterscheiden lassen.
17:00 - 17:30 Kaffee & Kuchen

Deatials im PDF Programm


 Sa / 06. Oktober 2012


ab 9:00 Registration    

7 //  10:00 - 12:00 Panels

7.1  (Un-)erwünschte Zukünfte. Spekulation und Simulation.
HZ11
Moderation: N.N.

Claus Pias (Lüneburg): Der Problemaffe. Weltraumexperimente als Spekulation und Simulation
Abstract: -

Martin Warnke (Lüneburg): Wie Paul Baran einmal wild spekulierte und dabei das Internet erfand
Abstract:
Als die RANDCorporation im Auftrag der USMilitärs Studien zu einem auch durch thermonuklearen Krieg nicht zu zerstörenden Kanal für die Übermittlung von Befehlen anfertigen lies, lies sich deren Autor, Paul Baran, dazu hinreisen, bis dato ungekannte Kommunikationsstrukturen ins Spiel zu bringen. Distributed sollten sie sein, verteilt, vernetzt und voller Redundanz. Um sich Sicherheit darüber zu verschaffen, dass solcherart Zumutungen an die Telekommunikationsfirmen und den gesunden Menschenverstand im hoffentlich nie eintreffenden Ernstfall auch ihren Dienst taten, simulierte er Netz(zer)störungen anhand eines Modells, das als Vorläufer des Internet aufgefasst werden kann. Nur: das Modell war gänzlich ungeeignet – wäre das Internet nach seinem Modell von 1964 ausgelegt, hat es schon Friedenszeiten nicht überstanden, vom Atomkrieg einmal ganz abgesehen. Simulation von wilden Spekulationen auf Grundlage falscher Annahmen haben die informatische Realitat des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts begründet.

Sebastian Vehlken (Lüneburg): Schneller Brüten, oder: Das ‚Atom-Ei des Columbus’. Simulation, Spekulation und Kernkraft 19701980
Abstract:
In Robert Jungks AntiAtomkraft Bibel Der Atomstaat wird im Kapitel ›Die Spieler‹ mit dem Physiker Wolf Häfele einer jener player scharf kritisiert, die mit unerschütterlichem Zukunftsglauben die Entwicklung technischer Großobjekte für eine hellauf strahlende Energiezukunft propagierten. Der schwäbische Pfarrerssohn Hafele (Jungk) gilt nicht nur als Vater des Schnellen Brüters in Deutschland, sondern leitete von 19731980 auch das Projekt ›Energiesysteme‹ am IIASAThink Tank im österreichischen Laxenburg. Auf Basis der Expertise von Nuklearforschung für Phänomene, die aufgrund ihrer Komplexität eben nicht mehr als ganzes System experimentell erforscht, sondern nurmehr in Computersimulationen in den Probelauf versetzt werden können, propagiert er ausgerechnet diesen Forschungszweig als die Avantgarde einer Wissenschaft des Unvorhersehbaren. Im Kontext des ›Atomic Age‹ kommt damit jener verwegene spekulative Forschungsstil (Jungk) der Computersimulation in radikalisierter Form in den Fokus: Denn spätestens wo mit mythischem Sendungsbewusstsein ›Plutoniumwelten‹ entworfen werden, wird aus dem spekulativen Spiel spektakulärer Ernst.

Jan Müggenburg (Lüneburg): Der Tag an dem wir uns zu Tode quetschen. Über das Verhältnis von Eskalation
und Spekulation am Beispiel von Heinz von Foersters ›Doomsday Equation‹
Abstract:
Im Jahr 1960 beunruhigte der österreichische Kybernetiker Heinz von Foerster die amerikanische Öffentlichkeit mit einer dusteren Prognose in der renommierten Zeitschrift SCIENCE. Die Anwendung einer – eigentlich für die Erforschung von Blutzellpopulationen entworfenen – hyperbolischen Differentialgleichung auf historisch überlieferte Daten zur Welt Bevölkerung habe ergeben, dass diese nicht nur deren vergangene Entwicklung bis in die Gegenwart exakt bestätige, sondern dass sich mit ihrer Hilfe auch das zukünftige Ausmaß der ›Bevölkerungsexplosion‹ mathematisch exakt vorhersagen lasse. Sollte sich das Wachstum der letzten zwei Jahrtausende in gleicher Regelmäßigkeit fortsetzen, so werde die Zahl aller Menschen auf der Erde bereits im Jahr 2026 den Wert ›+∞‹ erreichen. Statt Hunger, Krieg oder nukleare Katastrophen, so von Foerster, warte auf die Menschheit am ›Tag des jüngsten Gerichts‹ also eine ganz andere Gefahr: ›Death by Squeezing‹. In meinem Vortrag mochte ich das immanent eskalatorische Moment der DoomsdayGleichung herausarbeiten und mit dem spekulativen Gestus, die jeder Computersimulation zu Grunde liegt, kontrastieren. Dieses Spannungsverhältnis, so meine These, war dafür verantwortlich, dass von Foersters mathematisches Gedankenspiel auch außerhalb seines eigenen Repräsentationsraums ›eskalieren‹ und sich zu einem internationalen Diskurs Phänomen steigern konnte.

Isabell Schrickel (Berlin): Thermostat für den Planeten –
Spekulative Ausgänge der Klimaforschung
Abstract:


7.2  Rätselhaftes und Unerklärliches: Medien der Spekulation
HZ12
Moderation: Ute Holl

Eva Schauerte (Freiburg): „Wie alles du zu rätselhaft und dunkel sagst!“ Spekulationen zum Rätsel der antiken Beratung
Abstract:
Im achten Jahrhundert v. Chr. wandeln sich Stellung und Bezugspunkt einer naturphänomenologischen Kultstätte am Südhang des Parnass, die bisher der Erdgöttin Gaia gilt. Mit der Inthronisierung Apollons durch den Göttervater Zeus etabliert sich das Orakel von Delphi als soziopolitische Beratungsstätte und wird zum Zentrum der griechischen Welt. Die außergewöhnliche und überregionale Berühmtheit des Orakels lässt sich durch einen ausgewiesenen Polis- und Rechtsbezug seines Gottes erklären. Delphi dient fortan nicht nur als Stätte der inspirativen Mantik und erdverbundenes Heiligtum, sondern mutiert darüber hinaus zum Versammlungs- und Repräsentationsort politisch-militärischer Entscheidungsträger. Es entwickelt sich ein regelrechter Divinationsapparat, in dem neben der Pythia auch Bohnen-, Los- und vermutlich Astragalorakel konsultiert werden. Während einfache Besucher in der Regel mit einer binären Ja-Nein-Antwort abgespeist werden, äußert sich die Pythia in anderen Fällen in Form von rätselhaften Sprüchen, die ihrerseits ein differenziertes System an Deutungsinstanzen generieren. Ebenso wie die Hermeneutik der Sprüche war und ist die erzählerische Rekonstruktion der Vorgänge im Inneren des Tempels auf die Berichte der anwesenden Priesterinnen und Assistenten angewiesen. So kann nicht nur das Orakel selbst als Medium der Spekulation im Sinne eines deutungsbezogenen Zukunftsentwurfs verstanden, sondern muss auch die rezeptionsästhetische Seite der Orakelpraxis bezüglich ihres spekulativen Moments untersucht werden. Die Mystik des Orakels liegt nicht nur in dem Rätsel, das die Pythia den Fragenden als Ratschlag erteilt, sondern gleichsam in der dispositiven Stätte des Tempels als Blackbox der Weisheit verborgen. Die ritualisierten Vorgänge und tranceartigen Zustände der Pythia entziehen sich den Besuchern im Nebel des Spektakels; das Risiko der Fehlinterpretation wird von der Undurchsichtigkeit dieses Spekulationsraumes und der Dichte des darin gesponnenen Mediennetzes aufgefangen. Der Beitrag beleuchtet beispielhaft, inwieweit die oftmals missverstandenen oder trügerischen Rätsel des Orakels dennoch eine fast tausendjährige Geschichte der Beratung an der Schnittfläche von Göttlichkeit und Menschlichkeit, Recht und Ordnung und Schicksal und Zufall befördern.
Kirsten Wagner (Bielefeld): Das Labyrinth als Medium der räumlichen Verhaltensspekulation
Abstract:
Im ausgehenden 18. Jahrhundert erlangte eine Reihe von Versuchen des italienischen Naturforschers Lazzaro Spallanzani einige Aufmerksamkeit. Bei diesen mehrfach reproduzierten und variierten Versuchen mussten Fledermäuse mit geblendeten Augen durch verschiedene Räume fliegen: unterirdische Gewölbe und verwinkelte Gänge von Gebäuden und Minen sowie Käfige, die durch Stäbe, Fäden und großmaschige Netze labyrinthförmig verstellt worden waren. Alle Versuche zielten darauf ab, aus dem Flugverhalten der Fledermäuse Rückschlüsse auf die Orientierungsfunktion der einzelnen Sinne zu ziehen. Spallanzani selbst nahm über die fünf Sinne hinaus, deren Kanon und Hierarchie bereits über das gesamte 18. Jahrhundert Erschütterungen erfahren hatten, einen zusätzlichen sechsten Sinn an. Die Manipulation der Sinne durch Vivisektionen u.Ä., die mediale Ausstattung der Räume und die anwesenden Zeugen, die nicht nur der Beglaubigung der Versuche dienten, sondern mit ihren Körpern selbst Teil des bzw. Hindernis im Parcours wurden, bildeten zusammen eine spekulative Experimentalanordnung; spekulativ insofern, als jeder einzelnen von ihnen Mutmaßungen darüber zugrunde lagen, wie sich die Tiere unter den jeweils veränderten Versuchsbedingungen im Raum zurechtfinden und sich durch ihn bewegen würden. Rund hundert Jahre später, auf einem ersten Höhepunkt der Orientierungsforschung in der Physiologie, wurden die Versuche Spallanzanis von Élie de Cyon wiederholt. Cyon bestätigte nicht nur dessen Versuchsergebnisse. Mit der eigenen, indessen umstrittenen These eines im Innenohr lokalisierten Raumsinnes lieferte Cyon zugleich den postumen Nachweis des von Spallanzani vermuteten sechsten Sinnes und seiner Richtungs- und Orientierungsfunktion. Über die Physiologie hielt das zum Medium der räumlichen Verhaltensspekulation gewordene Labyrinth schließlich Einzug in den Behaviorismus, wo es gleichsam zu sich selbst kam. Anhand dieser und weiterer Beispiele soll in dem Beitrag gezeigt werden, dass das Labyrinth Medium nicht nur der Auskundschaftung mutmaßlicher Bewegungen im Raum ist, sondern diese in seiner Anordnung immer schon vorwegnimmt. Im Prognostischen von Spekulation liegt zugleich ihr Deterministisches.
Natascha Adamowsky (Freiburg): Schleier und Dunkelheit – Aspekte einer spekulativen Naturbetrachtung im 19. Jahrhundert
Abstract:
Der Topos der geheimnisvollen Natur und die ikonographischen Spuren einer verschleierten Isis durchziehen die abendländische Ideengeschichte. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts jedoch entwickelt die Rede von dunklen Geheimnissen und merkwürdigen Rätselhaftigkeiten eine besondere Konjunktur. In der aufkommenden Meeresforschung finden die Metaphern von Schleier und Dunkelheit, d. h. von medial beeinträchtigten Sichtverhältnissen und Untersuchungsmöglichkeiten, einen kongenialen Schauplatz: das Meer mit seinen unvorstellbaren Verborgenheiten. Was die ‚verschleiernden’ Wellen und lichtlosen Tiefen eröffnen ist ein Spekulationsraum, der von Autoren wie Jules Vernes, Gustave Flaubert, oder Victor Hugo aufgespannt wird. Auch in die sich formierende meeresbiologische Forschung hält die spekulative Dynamik Einzug. Der Meeresforscher Peter J. Müller (1801-58) etwa ist von der anhaltenden Rätselhaftigkeit seiner mikroskopischen Präparate fasziniert, die auch nach ihrer Identifizierung „durchaus dunkel und rätselhaft“ bleiben.2 Die Resistenz des Rätselhaften und die faktische Dunkelheit der Tiefsee machen das Meer zur spekulativen Bühne par excellence, auf der man die drängenden Fragen nach dem Ursprung des Lebens verhandelte. Dabei geraten metaphorische und physikalische Dunkelheit durcheinander, denn das Licht eines Unterwasserscheinwerfers verhält sich zur lichtlosen Tiefsee nicht so wie das Licht der Erkenntnis zum Unwissen. Alles, was wir bis heute von den Meerestiefen wissen, ist das Ergebnis medien-, tauch- und messtechnischer Operationen, deren Interpretation konstitutiv auf Spekulation angewiesen ist. Am Beispiel der ersten Tiefseeexpeditionen wird die Entstehung eines marinen Spekulationsraumes skizziert, in dem sich rätselhafte Organismen und unfassliche Lebensbedingungen allen Bemühungen eines Enlightenment widersetzen.
Mira Frye (Berlin): „The Truth is Out There“ – Dynamiken der Spekulation in The X-Files
Abstract:
Die TV-Serie The X-Files, die insgesamt 202 Episoden umfasst und von 1993 bis 2002 im USamerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, hatte in dieser Zeit neben Star Trek eine der größten Online-Fangemeinden überhaupt. Die selbsternannten X-Philes tauschten sich in Usenet- Newsgroups und Mailinglisten aus, diskutierten und spekulierten über den Fortlauf der Serie. Die Drehbuchautoren griffen die Spekulationen der Fans auf und berücksichtigten sie zum Teil bei der weiteren Entwicklung des Plots. Die Dynamik der Spekulation wurde in The X-Files durch narrative Strategien der Verrätselung und durch die zentralen Motive der Verschwörung und des Paranormalen vorangetrieben. Zwischen dem Glauben an die Möglichkeit vollständiger Aufklärung („The truth is out there“ als einer der zentralen Slogans der Serie) und der letztlichen Unerklärbarkeit der Phänomene öffnete sich der Spielraum der Spekulation. In der Ermittlungsarbeit der fiktiven FBI-Agenten Mulder und Scully ebenso wie in der Ermittlungsarbeit der Zuschauer werden unterschiedliche Modi der Wahrnehmung und Erkenntnis ins Werk gesetzt und thematisiert. Inszeniert wird ein Wechselspiel von Offenbarung und Verbergung, von Chiffrierung und Dechiffrierung, das zentrale Fragen nach der Medialität der Medien im Kern berührt. So wie jedes Sichtbarwerden von Wahrheit auf ein Unsichtbares verweist, führt in The X-Files jede Enthüllung zu weiteren Fragen, Vermutungen und Rätseln. Durch die Figur des Rätsels bleiben Aufklärung und Spekulation eng miteinander verknüpft. Unter Bezug auf philosophisch-theologische Konzepte des Rätselhaften (etwa bei Emmanuel Lévinas) lässt sich zudem zeigen, inwieweit The X-Files eine Logik der Offenbarung und des Apokalyptischen entfaltet. Sowohl auf narrativer Ebene als auch auf der Ebene der Rezeption wird die Möglichkeit verhandelt, zukünftige Offenbarungen der Wahrheit zu antizipieren und durch die eigenen Prognosen zu verändern. Die XPhiles nehmen dieses zukunftbildende Potential der Spekulation gezielt für sich in Anspruch. So verbreiten sie seit Jahren im Internet Vermutungen und Gerüchte über einen dritten X-Files- Kinofilm mit dem vermeintlichen Titel I Believe in the Future, um die Zukunft von The X-Files gleichsam herbeizuspekulieren.

7.3  Diesseits und Jenseits des ideologieproduzierenden Apparats -
Umbrüche und Perspektiven des Dispositiv-Begriffes für  den Erfahrungsraum Kino
HZ13
Moderation: Thomas Klein

Florian Mundhenke (Leipzig): Dispositiv Kino – Vom Menschen im Netz der Sinnes- und Bedeutungsbezüge.
Anmerkungen zur Aktualität eines Begriffs
Abstract:
Der Dispositivbegriff hat für die Erklärung der Wirkung von Kino, seiner spezifischen Wahrnehmung und der apparativen Ausrichtung von Erfahrung eine Tradition, die die Institutionalisierung und Ausdifferenzierung der Filmwissenschaft begleitet hat. Von der psychoanalytisch motivierten Apparatus-Theorie der 1960er Jahre (Baudry) über die feministische Filmtheorie der 1970er Jahre (de Lauretis) hin zu neoformalistischen Ansätzen der 1980er Jahre (Bordwell) hat das Modell viele Adaptionen und Verwandlungen erfahren. Der Vortrag möchte zunächst die Unterschiede eines engen (der Raum des Kinos als apparative Struktur) und eines weiten Dispositivbegriffs (Institutionen, Produzenten, Technik, Gesellschaft) vorstellen. Darüber hinaus soll insbesondere am Verweis medienfunktionaler Bedingtheiten des Dispositivs in anderen (medialen) Bedeutungskontexten (z.B. Screenings an Universitäten, Sendeplätze des Fernsehens wie etwa das Montagskino) rückbezüglich die Essenz der dispositiven Struktur deutlich gemacht werden. Damit soll schließlich auf die Spezifik der Filmerfahrung im Kontext des Kinos rekurriert werden.
Daniel Kulle, (Hamburg): Dispositive der Bewegungsästhetik
Abstract:
Kinematografische Action ist Bewegung, und Actionfilme bewegen nicht nur die Körper ihrer Darsteller und Darstellerinnen, sondern auch die der Zuschauer im Kinosaal. Besonders im Genre des Actionfilms ist daher die somatische Einfühlung als Rezeptionsparadigma für die Bewegung im Film herausgestellt worden. Demgegenüber werden in der theoretischen Debatte statische Repräsentationsstrukturen, universelle psychoanalytische Begierden oder dynamische, von Mächten und subversiven Kräften durchzogene Diskurse und Körperdispositive aufgeführt. Auf den ersten Blick stehen hier also zwei unterschiedliche Konzepte, die des phänomenologischen oder materiellen Leibs und die des diskursiven Körpers gegenüber, die sich im Kontext des Films als zwei scheinbar distinkte Wahrnehmungsdispositive formieren. Am Beispiel der Wahrnehmung von Bewegung im Actionfilm stellt der Vortrag verschiedene Konzeptionen von Leib/Körper vor und untersucht die damit einhergehenden Rezeptionsweisen. Die vermeintliche Inkommensurabilität beider Wahrnehmungsdispositive erweist sich dabei auf den näheren Blick als komplexes Wechselspiel. Zu beobachten sind vielmehr Interaktionen, Konfrontationen, Spannungen oder Kippbewegungen zwischen leiblichen und diskursiven Aspekten von Wahrnehmung, die nicht zuletzt auch ein neues Licht auf die Eigenheiten des Erfahrungsraum Kinos und seiner körperlichen/leiblichen Dimensionen werfen.
Bernd Zywietz (Mainz): Verbotenes (Gegen-)Kino: Zum Apparatus des Film-Streamings im Internet
Abstract:
„Nur im Kino!“ - diese Ankündigung als Teil aktueller Filmtrailer erscheint geradezu trotzig oder verzweifelt angesichts des Phänomens illegaler Kopien von Spielfilmen, die sich kurz nach dem Kinostart (oder noch früher) im Internet finden. Ob Peer-to-Peer, Download von Hosting-Diensten oder Streaming-Angebote, als DVD-Screener oder Kameraaufnahmen aus dem Kinosaal: Dieses 'verbotene' (Parallel-, Anti- oder Parakino-)Kino daheim ist als Massenerscheinung nicht nur juristisch und ökonomisch ein interessantes Problem, sondern stellt auch für die Forschung zum 'Erfahrungsort Kino' eine mehrdimensionale Herausforderung dar. Der Vortrag befasst sich mit Filmstreaming-Seiten als ebenso subversives wie parasitäres Dispositiv zwischen etablierter klassischer Kinoerfahrung und statthafter und legaler Home-Movie-Unterhaltung. Er widmet sich den Spezifika der Zuschauerposition, der Nutzungs- und (auch ästhetischen) Angebotsstrukturen, fragt nach der (Un-)Möglichkeit von Alternativen und skizziert

Florian Leitner (Düsseldorf): Dispositiv und Disposition. Zum wechselseitig konstitutiven Verhältnis von
Medientechnologie und Psyche
Abstract:
Ein zentraler Aspekt des Dispositivbegriffs besteht darin, dass sich durch ihn Medialität als Dynamik begreifen lässt, die aus dem Wechselspiel von Technologie und Psyche emergiert. Um dies herauszustellen, greift der Vortrag Giorgio Agambens (direkt an Foucault anschließendes) Dispositiv-Konzept auf, und stellt ihm den Begriff der Disposition gegenüber: Während „Dispositiv” medientechnische Anordnungen hinsichtlich ihrer Subjektivierungsfunktion beschreibt, bezeichnet „Disposition” die Gesamtheit der psychischen Bedingungen und Effekte der durch ein Dispositiv ermöglichten Erfahrung. Entscheidend ist dabei, dass Dispositiv und Disposition nicht in einer linearen Ursache- Wirkungs-Beziehung zueinander stehen, sondern in einem wechselseitig konstitutiven Verhältnis. Auf dieser Grundlage soll Mediengeschichte als Prozess akzentuiert werden, in dem sich technologische und kulturpsychologische Transformationen gegenseitig bedingen.
7.4  Workshop. Höchst spekulativ – Sexualität und Medien
HZ14
Moderation: Nanna Heidenreich

Marie-Luise Angerer (Köln)
Andrea A. Braidt (Wien)
Marc Siegel (Frankfurt/Main)

7.5  Podiumsdiskussion: Die Medien der „Accountability“ I: Zu den gemeinsamen Grundlagen von Sozialtheorie und Medientheorie
HZ15

Jörg Bergmann (Bielefeld)
Christian Meyer (Bielefeld)
Erhard Schüttpelz (Siegen)
Tristan Thielmann (Siegen)

7.6  Automatismen der Spekulation I: (Un)berechenbarkeiten
HZ10
Moderation: Theo Röhle

Andreas Weich (Paderborn): Profile der Spekulation: Zur (Un)berechenbarkeit von Menschen
Abstract:
Wissen über Eigenschaften und (potenzielles) Verhalten von Menschen ist von großer Relevanz für Institutionen der Kontrolle und Überwachung. Das Konzept des Profils hat diesem Wissen eine spezifische Form gegeben, die ihre Wurzeln vor allem in den merkmalsbezogenen Kategorisierungen der Physiognomie hat. Durch deren Mathematisierung seit dem späten 18. Jh. wurde die Überführung von Persönlichkeit in kalkulierbare Daten etabliert. Am Beispiel der Kriminologie des späten 19. Jh. soll im Vortrag gezeigt werden, dass bei der Erstellung von Profilen sowie der auf diesen basierenden statistischen Dia und Prognostik notwendig spekulative Momente eine Rolle spielen. In computerbasierten Medien, so die These, sind Profile heute oftmals Grundlage und Produkt von Automatismen der alltäglichen Generierung von Wissen über Menschen. Anhand aktueller Beispiele wird abschließend diskutiert, inwiefern dadurch Diskurse und Praktiken der vermessenden Spekulation in populäre Medienkulturen integriert werden.

Julius Othmer (Paderborn): Expect the Unexpected: Zum Verhältnis von Risiko und Spekulation in Zeitgenössischer Software
Abstract:
Das Konzept des Risikos bringt ein auf Zukunft bezogenes Kontrollbedürfnis zum Ausdruck und formiert damit einen theoretische Alternative zur Spekulation, welche das selbe Ziel mit anderen Mitteln verfolgt. Im Risiko wird eine zur Reaktion verpflichtende Gefahr oder Bedrohung durch Prozesse der Berechnung auf statistischen Daten zum Risiko transformiert, das die Option des proaktiven Handelns eröffnet. Risiko bedarf neben der statistischen Modellierung auch einer Sichtbarmachung zwecks Transformation in Wissen und scheint somit wie gemacht für die Idee des Computers. Mit der kulturellen Erfahrung einer begrenzten Berechenbarkeit und sich mehrenden Kontingenzeindrücken verändert sich das Konzept des Risikos. Der Gedanke der Präemption und Grenzziehungen zwischen sicher und unsicher werden primär, weiterhin nähert sich der Umgang mit Risiko der Spekulation in Momenten des Imaginären und des Spielerischen an. Der Vortrag möchte diesen Wandel des Risikos und des Risikomanagements anhand von Softwarefragmenten aus verschiedenen „kriminalistischen“ Diskursen vorstellen und bewerten.

Timo Kaerlein (Paderborn): Verhaltensprognosen in
Kriminalprävention und Science Fiction – Ein Vergleich
Abstract:
Vorhaben im Bereich der präemptiven Kriminalitätsbekämpfung wie INDECT in der EU sowie diverse lokale Initiativen in den USA bringen technische Verfahren der Predictive Analysis und des Relationship Mining in Stellung, um Straftaten zu verhindern, bevor sie begangen werden. Dazu werden scheinbar zufällige Verhaltensmuster wie z.B. Bewegungsprofile ausgewertet und in Kalkulierbarkeiten überführt. Ähnliches funktioniert bereits weitgehend verlässlich im ScienceFictionFilm Minority Report (USA 2002). Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Im Film verlassen sich die Behörden auf eine spekulative Instanz, die sogenannten Precogs, die Vorhersagen über zukünftige Verbrechen treffen, ohne Einblick in die Genese diesen brisanten Wissens zu geben. Eine Relektüre des Films im Lichte jüngster Entwicklungen soll Aufschluss darüber geben, inwieweit er als spektakuläre Spekulation über die notwendigen blinden Flecken eines „lückenlosen Überwachungssystems verstanden werden kann.

David Kaller (Paderborn): Geliehene Augen: zur Sichtbarkeit des Raumes in der Drohnentechnologie
Abstract:
In den letzten Jahren ist in der zeitgenössischen Kunst eine vermehrte Auseinandersetzung mit neuen militärischen Technologien der Sichtbarmachung, Ordnung und Kontrolle von Räumen zu beobachten. Eine besondere Bedeutung erhält dabei die Frage, auf welche Weise der Raum in eine kalkulierbare Größe überführt wird. Ausgehend von der Videoarbeit Her Face Was Covered (2011) von Omer Fast soll am Beispiel der militärischen Drohnentechnologie aufgezeigt werden, welche Prozesse an der Visualisierung von Territorien und den darin zu identifizierenden Akteuren und Objekten beteiligt sind. Die Sichtbarmachung folgt dabei dem Bestreben, uneindeutige Informationen als mögliche Risiken auf operativer Ebene zu reduzieren. Diesen Versuch einer Berechenbarkeit des Raumes verhandelt die Arbeit Omer Fasts auf inhaltlicher und ästhetischer Ebene: Sie verweist auf die Grenzen der medialen Repräsentation des Raumes und zeigt auf, inwiefern die Deutung des Betrachters an ein Moment der Spekulation gebunden ist.

7.7  „We only know in theory what we are doing“ – Über Experimente
HZ5
Moderation: Christian Stewen

Bianca Westermann (Bochum): Warum unsere maschinelle Zukunft gestern gewesen sein wird oder die Eva der Zukunft als Medienexperiment
Abstract:

Mit seinem 1886 veröffentlichten Werk L’Ève future schuf der französische Schriftsteller Auguste de Villiers de L’Isle-Adam nicht nur einen der ersten Science-Fiction Romane, sondern spekulierte gleich in mehrfacher Hinsicht über zukünftige Möglichkeiten: Seine durch einen fiktiven Thomas Alva Edison geschaffene Künstliche Frau, Hadaly, verkörpert sowohl das – im Kontext seiner Zeit wenig überraschende – Bestreben, eine Maschine zu erschaffen, die dem Menschen verwechselbar gegenübersteht, als auch die Utopie, einen Körper zu erschaffen, dessen Materialität und Funktionalität aus Medientechnologien zusammengesetzt ist. Villiers de Isle-Adams Science-Fiction eines zukünftigen, technisch realisierbaren Medienkörpers kann somit gleichzeitig als fiktives Experiment einer technischen Optimierung ‚der’ Frau gelesen werden wie als Spekulation über zukünftige medientechnische Potentiale. Geht man mit Dierk Spreen davon aus, dass „Science-Fiction versucht gesellschaftliche und individuelle Möglichkeitshorizonte zu thematisieren, ohne den ‚großen’ politischen Gegenentwurf zu formulieren und eine grundlegende Umwälzung der Verhältnisse, [...] zu fordern. (Spreen 2008: 30)“, so rückt Technologie als das Mittel zur Lösung zentraler Konflikte in den Fokus. Der Medienkörper Hadaly ist in diesem Sinne eine ganz im Ursprung des griechischen mechanè konzipierte, mechanische Maschine. Am Beispiel der zukünftigen Eva, die genderpolitisch betrachtet gestriger nicht sein könnte, möchte sich der Vortrag diesem Maschinenkonzept einer „Zukunft von gestern“, das zwischen einer Spekulation über zukünftige Möglichkeiten und einem gegenwärtigen Medienexperiment oszilliert, nähern.
Solveig Ottmann (Bochum): Spekulation als medientheoretische und medienästhetische Strategie in der experimentellen Rundfunkarbeit von Hans Flesch und Ernst Schoen (1924-1933)
Abstract:
Hans Flesch, Künstlerischer Leiter des Frankfurter Radios (1924-1929) und Intendant des Berliner Rundfunks (1929-1932) und Ernst Schoen, zunächst künstlerischer Assistent Fleschs (1924-1929), später dessen Nachfolger als Programmleiter (1929-1933), verstanden das Radio als experimentelles Geräuschradio. Beide machten den avantgardistisch-experimentellen Umgang mit dem Medium stark, um einerseits die technischen und ästhetischen Eigenheiten des Mediums zu erkunden und andererseits seine künstlerischen, sozialen und politischen Funktionen auszuloten. Und es so, in einem zweiten Schritt, aus seiner historischen Befangenheit spekulativer Bedrohungsszenarien und aus seinem straffen, staatlich aufgezwängten Unterhaltungskorsett zu lösen, das jeglichen politischen und sozialen Bezug des Programms ausschloss. Dabei integrierten Flesch und Schoen die Spekulationen, die das Radio umrankten (Ätherparadigma, Spiritismus, Zauberei, etc.) in die Experimente, um gleichzeitig durch das Experimentieren mit den Eigenschaften und Möglichkeiten des Mediums das Spekulative aus dem Diskurs auszuschließen. Exemplarisch aufgezeigt werden können diese Strategien am Beispiel von Hans Fleschs Hörspiel „Zauberei auf dem Sender – Versuch einer Rundfunkgroteske“ (Südwestdeutsche Rundfunkdienst-AG, Oktober 1924) das von einer Sendestörung handelt, die das Abendkonzert des 24.10.1924 um 20:30 Uhr befällt. Plötzlich passieren unglaubliche Dinge, die der Hörer live an seinem Empfangsgerät zu Hause mitverfolgen kann. Was harmlos beginnt wächst sich schnell zu einem turbulenten Wahnsinn aus und „Der Leiter“ (Hans Flesch) wird bald für verrückt erklärt. Und schließlich taucht ein Zauberer auf, der behauptet, für die Zerstörung der Ordnung im Sender verantwortlich zu sein und auf den Röhren gezaubert zu haben.

Uwe Wippich (Bochum): Experimentelle Apokalyptik
Abstract:
Im Herbst 2011 hielt Ron Fouchier vom Erasmus Medical College Rotterdam auf einer Konferenz in Malta einen Vortrag über das Potential des Vogelgrippe Virus H5N5 eine Pandemie auslösen zu können. Fouchier hatte dazu im Labor gezielte Mutationen erzeugt und damit ein auf dem Luftwege übertragbares letales Virus produziert. Die Ergebnisse Fouchiers trügen dazu bei, eine mögliche natürliche Mutation sowie deren Verlauf erkennen zu können, um wiederum Übertragungswege in gefährdeten Gebieten isolieren und möglicherweise auch eine Pandemie stoppen oder verhindern zu können. Die geplante Veröffentlichung der aktuellen Experimente stieß jedoch auf große Bedenken von Seiten des National Science Advisory Board for Biosecurity (NSABB) der USA, da diese als möglicherweise als potentielle Anleitung für die Herstellung einer Biowaffe missbraucht werden könnte. Ein Film auf Youtube und auf der Homepage der NSABB spricht von „Dual Use“ der Forschung und einer Bedrohung, welche zugleich potentiell und real sei (http://oba.od.nih.gov/biosecurity/ biosecurity.html). Notwendigkeit und Nutzen derartiger Experimente ebenso wie die Bedenken der US-Regierung wurden in der Folge vielfach kontrovers diskutiert. Ende Januar 2012 kam es zu einem freiwilligen Moratorium von 60 Tagen, in denen die „Arbeit am Supervirus“ (Spiegel Online) gestoppt wurde. In dieser Zeit sollen Sinn und Zweck derartiger Forschungen debattiert und transparent gemacht werden. Wie aber verhält sich eine derartige Zusammenführung des Potentiellen und des Realen zum Spekulativen und in welcher Weise sind Medien an der Produktion derartiger Zusammenschlüsse beteiligt? Der Beitrag verfolgt die (fortdauernde) Debatte unter dem Aspekt der medialen Bedingungen, der Notwendigkeit sowie der Formationen und der Produktivität des Spekulativen im Spannungsfeld zwischen den damit verbundenen medialen Konstituierungen von Realem und Potentiellem für derartige Experimente und setzt diese in Relation zu medialen Inszenierungen außer Kontrolle geratener Experimente (z.B. der Song Experiment IV von Kate Bush (1986, Video) oder Filme wie 12 MONKEYS (USA 1995) oder 28 DAYS LATER (GB 2002), etc.).
7.8  „Aufs Spiel setzen. Fallstudien zur Intermedialen Ästhetik“
NG 1.741a
Moderation: Samuel Sieber

Nadja Elia Borer (Basel): Postfotografische An-Sichten einer Schweiz
Abstract: -
Naturalisierungseffekte des Schweizerischen stehen mit den Praktiken der digitalen Fotografie zur Disposition. Im Rahmen postfotografischer Verfahren werden die Konstruktion nationaler Identität und die damit einhergehenden Heimatgefühle klischeehaft und kritisch als Illusion aufs Spiel gesetzt. Diese dadurch ermöglichten Reflexionen über die je verschiedene Konstruierbarkeit von Medienblicken einer Schweiz werden in diesem Beitrag befragt.

Bettina Wodianka (Basel): Zwischen Radiophonie, Literatur und Theater: Der Zuhörer(/-schauer) im
Spannungsfeld erinnerter Vergangenheit und erwarteter Zukunft
Abstract: Der Beitrag diskutiert die seit den 1990er Jahren zunehmend intermedial ausgerichteten Spielformen und radiophonen Strategien des Hörspiels, die sich im Dialog mit zeitgenössischen Darstellungsformen des postdramatischen Theaters entwickelt haben. Dabei stehen die vormals getrennten Räume und Rollen in Produktion und Rezeption und die daraus resultierenden Konsequenzen für den Zuhorer(/schauer) im Mittelpunkt.

Constanze Schellow (Bern): Autor des Spektakels oder Spekulationsobjekt? Der Zuschauer im aktuellen Tanz-und Performance-Diskurs
Abstract:
In der Performance und Tanztheorie wird der Zuschauer derzeit vom „spectatorconsumer“ (Bailes) zum „Autor des Stücks“ (Siegmund) erklärt, das Auditorium als „Autorium“ (Ploebst) regelrecht in Szene gesetzt. Anhand von Eva MeyerKellers Performance und Videoarbeit „Death is certain“ (2002) wird vor dem Hintergrund dieses Diskurses die Ambivalenz des Zuschauens in zeitgenössischer Performance verhandelt.

Laura Amstutz (Basel): Über-setzen. Eine Spekulative Technik
Abstract:
Der Beitrag unternimmt den Versuch, das Verhältnis von Virtualität und Übersetzbarkeit (Benjamin) zu beleuchten und mit diesem Fokus grundsätzlich nach der Medialität der Sprache zu fragen. Das Übersetzen von einer Sprache in die andere ist eine transformative Wiederholung des Nichtgleichen (Derrida), die ihre Setzung kontinuierlich aufschiebt und dementsprechend in eine unabschliessbare Spekulation gerät.

8 //  13:00 - 15:00 Panels

8.1  Lücken und Brücken – Bildspekulationen in den Naturwissenschaften
HZ11
Moderation: Kathrin Friedrich, Christine Hanke, Lina Maria Stahl

Lina Maria Stahl (Potsdam): Spekulation – Fragen nach der Referenz im Bereich der Mikroskopie
Abstract:
Bereits der Begriff der Spekulation weist darauf hin, dass die Mikroskopie als eine Technologie und Praxis der Spekulation par excellence betrachtet werden kann. Denn „Spekulation“ stammt vom Lateinischen speculari, was soviel bedeutet wie Spähen, Beobachten, Erforschen. Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm ist überdies nachzulesen, dass „Spekulation“ in der Bedeutung von „beschauliche, tiefsinnige betrachtung eines gegenstandes, verhältnisses u.s.w., zum zweck, die erkenntnis desselben dadurch zu erweitern“ steht. Diese Beschreibungen ließen sich ebenso gut auf die mikroskopische Praxis übertragen. Schließlich ist diese durch eine technische Apparatur gekennzeichnet, in der das Sehen und Beobachten eine zentrale Stellung einnimmt. Das Mikroskop steht allgemein für eine Erweiterung der sichtbaren Welt, für die Sichtbarmachung und Erforschung von Dingen oder Strukturen, die mit dem bloßen Auge nicht zu sehen sind. Es könnte daher auch als Erkenntnismedium bezeichnet werden. Weil das Mikroskop etwas zu sehen gibt, was außerhalb der mikroskopischen Anordnung in der Regel nicht gesehen werden kann, lässt es jedoch streng genommen nur Spekulationen über das Gesehene zu. Aufgrund der medialen Unhintergehbarkeit des Mikroskops bleibt die Identität oder Übereinstimmung mikroskopischer Ansichten mit einem ‚tatsächlichen’ Gegenstand, oder kurz: die Frage nach der Referenz, letztlich unüberprüfbar oder paradox. Die Unterscheidung zwischen Fakt und Artefakt oder das Erkennen sog. Abbildungsfehler ist daher alles andere als trivial. Anhand von Beispielen aus der Mikroskopiegeschichte: von der Entdeckung von Zellen im 17. Jahrhundert, über die Entwicklung einer Zelltheorie im 19. Jahrhundert bis hin zu heutigen Verfahren, in denen die Zelle gleichermaßen als epistemisches Ding als auch technisches Objekt agiert, werden spekulative Aspekte der Mikroskopie aufgezeigt, die jedoch als konstitutive Ungewissheiten kein Manko, sondern ein wesentliches und produktives Moment der Forschung darstellen.
Kathrin Friedrich (Köln): Taktiken des Spekulierens – Softwareoperationen und radiologische Diagnostik
Abstract:
‚Durch den linken Lungenflügel rein, und rechts wieder zurück’- Visualisierungen ermöglichen RadiologInnen den Blick ins Körperinnere, doch erst im Zusammenspiel mit Softwareprogrammen entfaltet das Bildhafte seinen diagnostisch-prozessualen Charakter. Im medialen Durchfahren und ‚Auskundschaften’ spezifischer Körperregionen gewinnt nicht nur der Patientenkörper an Gestalt, auch die Diagnose formt sich in der Interaktion von Softwaretechnologien und RadiologInnen. Software selbst wird dabei zum Medium zwischen deterministischen Algorithmen und operativer Ästhetik, welches durch seine an der Oberfläche wahrnehmbaren „algorithmischen Zeichen“ (Nake, 2001) das diagnostische Abwägen leitet. Doch welche Werkzeuge und Taktiken ermöglichen dieses ‚digital-diagnostische Spekulieren’ im Sinne eines iterativen Auskundschaftens von Bildern und durch Bilder? Der Vortrag nimmt diese Frage zum Anlass, um grundsätzlicher nach dem epistemologischen Status von Softwaretechnologien und -operationen in der radiologischen Diagnostik zu fragen sowie bestimmte mediale Praktiken und Taktiken zu analysieren. Dabei sind es solch alltägliche Verfahren wie Scrollen oder Drag&Drop, die fast profan scheinen, doch, ebenso wie z.B. digital codierte Winkelmesser, einen nicht unerheblichen Teil des radiologischen ‚Handwerkzeugs’ darstellen. In ihnen zeigt sich das beständige diagnostische Für und Wider bzw. visuelle Hin und Her in den Bilddatensätzen, welches auf den spekulativen und iterativen Charakter verweist, der sich in den interaktiven Operationen zeigt. Dies macht ebenfalls deutlich, das es auch in einer medienwissenschaftlichen Analyse weniger um ‚das standhafte Bild’ gehen muss als vielmehr um Medien und Taktiken des visuellen Spekulierens in, mit und zwischen Bildern, die nachhaltig die radiologische Diagnostik bestimmen.
Christine Hanke (Potsdam): Ästhetiken naturwissenschaftlicher Spekulation
Abstract:
Die Praxis naturwissenschaftlicher Datenvisualisierung ist in doppelter Weise spekulativ. Sie ist an Bild und Blick gebunden, macht also Unsichtbares ansichtig und verfügbar. Gleichzeitig beinhaltet schon die datenförmige Generierung von Wissen eine Vielzahl spekulativer Elemente, die Ambivalenzen, Unentscheidbarkeiten und Unbestimmtheiten in das Wissen eintragen. Inter- und Extrapolationen zur Ergänzung von Datenlücken, die Reduktion von Störungen zum Herausschälen von Signalen und andere Strategien im Spin Doctoring naturwissenschaftlicher Unbestimmtheiten werden zwar durch statistisch-normalistische Praktiken und die Annäherung an Algorithmen abgesichert, bleiben im Grunde aber spekulative Setzungen. Im Zuge naturwissenschaftlicher Visualisierung verschwindet dieser spekulative Gehalt jedoch zugunsten einer Ontologisierung der sichtbargemachten Objekte, denn die prinzipiell affirmative Logik des Bildes steht dem Konjunktivischen oder gar Negierenden im Grunde entgegen. Diese fundamentale Problematik epistemischer Bilder untersuche ich am Beispiel der ‚Visualisierung von Unsicherheiten’ – einem Diskussionsstrang in Naturwissenschaft und Technik, der sich um die Einführung und Standardisierung ästhetischer Praktiken zur Darstellung spekulativen Wissen in Messung, Modellierung und Wahrnehmung bemüht. An Beispielen u.a. aus Astronomie, Klimaforschung, Geographie diskutiere ich die Ambivalenzen dieser spekulativen Spekulationen.
8.2  Spekulative Praktiken zwischen Faktualität und Fiktionalität
HZ12
Moderation: Mathis Danelzik

Jan-Noël Thon/Klaus Sachs-Hombach (Tübingen):  Spekulation. Ein transmedialer Darstellungsmodus jenseits von Faktualität und Fiktionalität
Abstract:
Der Vortrag fragt im Anschluss an einschlägige Theoriebestände der analytischen Philosophie (vgl. etwa Currie 2010 oder Walton 1990) und Narratologie (vgl. etwa Ryan 1991 oder Walsh 2007) nach der Medialität und Transmedialität von Spekulation als eines spezifischen Darstellungsmodus, der die auch in der Medienwissenschaft etablierte Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion bzw. zwischen faktualer und fiktionaler Darstellung unterläuft. Dabei wird zunächst die Frage zu klären sein, was überhaupt unter einer Darstellung zu verstehen ist, wie sich Darstellung zum Dargestellten verhält, inwiefern sich faktuale und fiktionale Darstellungen unterscheiden und wie sich diese Unterschiede erkennen lassen, um dann – im Rahmen einer intentionalistisch ausgerichteten Bedeutungskonzeption – den spezifischen Referenzanspruch spekulativer Darstellungen in den Blick zu nehmen, der weder mit dem Referenzanspruch faktualer noch mit dem Referenzanspruch fiktionaler Darstellungen vollends zusammenfällt (vgl. hierzu ansatzweise bereits Margolin 1999). Während im ersten Teil des Vortrags vor allem das spannungsreiche Verhältnis zwischen Darstellung und Dargestelltem sowie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen fiktionalen, faktualen und spekulativen Darstellungsmodi im Fokus stehen, widmet sich der zweite Teil anhand ausgewählter Beispiele der Medienspezifik spekulativer Darstellungsmodi in verbalen, visuellen, audiovisuellen und interaktiven Darstellungen. Hier wird dann auch die Frage zu stellen sein, inwiefern sich Spekulation angesichts der Unterschiede zwischen spekulativen Texten, spekulativen Bildern, spekulativen Filmen und spekulativen Computerspielen dennoch als transmedialer Darstellungsmodus begreifen lässt, der gleichberechtigt neben den traditionell unterschiedenen Modi der faktualen und der fiktionalen Darstellung steht und dadurch auch die dogmatische Gültigkeit jener Unterscheidung in Frage stellt (vgl. zum hier zu Grunde gelegten Transmedialitätsverständnis auch Thon 2012).
Susanne Marschall/Meike Uhrig (Tübingen): Projektionen des Denkens. Filmische Spekulationen über eine Ästhetik der Innenwelt
Abstract:
Die filmische Inszenierung subjektiver Erfahrungen basiert auf höchst spekulativen Vorstellungen über die Ästhetik von Träumen und Gedanken, von Erinnerung und Imagination. Ihre bildliche Darstellung steht dabei in engem Zusammenhang mit dem Medienwandel von der analogen zur digitalen Technologie. So versucht bspw. die Forschung im Bereich der Naturwissenschaft, die Existenz subjektiver Gefühle und Gedanken durch bildgebende Verfahren sichtbar zu machen und somit empirisch nachzuweisen. Eine Spekulation über eine mögliche Ästhetik der Innenwelt bleibt jedoch noch immer den Filmschaffenden vorbehalten. Dabei setzt der Film die Illustration von Innenwelten in einer Mischung aus individueller Darstellungsweise, die den diversen subjektiven Projektionen der Filmemacher entspringen, und etablierten filmischer Konventionen um. Was entsteht ist eine komplexe Mischung aus subjektiver, intuitiver und kulturell geprägter Vorstellung eines psychologischen Phänomens, das mit Hilfe filmischer Inszenierungen visualisiert wird. Wiederkehrende Motive (vgl. Liptay/Marschall 2008 und Uhrig 2012), besondere Licht- und Farbgestaltung (vgl. Marschall 2005) – wie der Einsatz monochromer Farbräume zur Illustration von Grenzübergängen, Träumen oder Ängsten – oder das Aufweichen der Kadrierung werden zur Gestaltung introspektiver Momente angewandt und fungieren als deren Marker. Doch auch Brüche mit diesen filmischen Konventionen finden sich vermehrt und fordern eine aktive, reflektierte Rezeptionsweise des Zuschauers. Denn: Längst herrscht in der Filmlandschaft die Vorstellung eines fließenden Übergangs zwischen subjektiver Innen- und objektiver Außenwelt vor, und dessen Darstellung bleibt nicht länger der Inszenierung wahnhafter oder psychisch instabiler Figuren vorbehalten (vgl. Marschall 2008). Der Vortrag will anhand ausgewählter Beispiele aus dem Bereich der Film-und Fernsehgeschichte die Darstellungsvielfalt des Films sowie Konventionen und Konventionsbrüche der Visualisierung von Innenwelten seiner Figuren beleuchten, und sich so der filmischen Spekulation über die Ästhetik der Innenwelt nähern.
Hanne Detel/Bernhard Pörksen (Tübingen): Spekulative Skandale. Der Verlust der Kontrolle im digitalen Zeitalter
Abstract:
Das digitale Zeitalter hat eine neue Form der medialisierten Sichtbarkeit hervorgebracht. Unter diesen Bedingungen entwickelt sich – gleichsam im Schatten der durch die klassischen Massenmedien vorangetriebenen Skandale – ein neues Skandalschema, das geprägt ist von drei Dimensionen der Ungewissheit und der Spekulation. Die informationstechnische Voraussetzung für diese Veränderung ist die Digitalisierung. In digitaler Form lassen sich Daten beliebig kopieren, speichern, verknüpfen, abändern, remixen – die physischmateriellen Einschränkungen von Bildern und Tönen, Texten und Filmen verschwinden. So lässt sich der ursprüngliche Äußerungs- und Handlungskontext hinsichtlich Raum, Zeit, Publikum, Öffentlichkeit und Modus leicht verschieben. Die Folge derartiger Kontextverletzungen: Äußerungen und Handlungen werden skandalisierbar und ihre Effekte spekulativ (Spekulation über die Wirkung des eigenen Handelns). Was macht nun dieses neue Skandalschema aus (zum ,klassischenʻ Skandal vgl. etwa Burkhardt 2006, Kepplinger 2005, Thompson 2000)? Zunächst kann heute jeder effektiv skandalisieren, nicht nur die professionellen Gatekeeper. Prominenz und Macht sind keine Voraussetzungen mehr für die Skandalisierung, sondern jeder kann zum Objekt eines Skandals werden. Auch wird das klassische, massenmedial vorstrukturierte Themenspektrum erweitert: Nicht mehr ausschließlich die Frage der gesellschaftlichen Bedeutung ist entscheidend – auch bloße Mutmaßungen oder manipulierte Daten können Empörungsexzesse hervorrufen (Spekulation über den Wahrheitsgehalt von Inhalten). Die leichte Verfügbarkeit der Daten, die Permanenz ihrer Präsenz, die womöglich globale Verbreitung und die schwierige Identifikation der Verursacher – all diese Merkmale lassen die üblichen, ohnehin begrenzten Möglichkeiten des Skandalmanagements als vergleichsweise hilflos erscheinen. Zudem: Man kann als Betroffener nur spekulieren, was andere von einem wissen, auf welcher Grundlage sie das eigene Ich als digitales Image rekonstruieren (Spekulation über die eigene Reputation) (vgl. Solove 2007).
Guido Zurstiege/Tino G.K. Meitz (Tübingen): Strategie. Zur strategischen Bedeutung eines spekulativen Begriffs im Werbeprozess
Abstract:
In der Werbeagenturszene sowie in der sie reflektierenden Fachpresse taucht seit einigen Jahren verstärkt der Begriff der ‚Strategieʻ als zentraler, den Werbeprozess gewissermaßen organisierender Leitbegriff auf. Agentur-Neugründungen – wie etwa die der Strategieagentur naked auf dem deutschen Markt sowie die von Amir Kassaei für DDB gegründete Strategieagentur Hubble – legen in diesem Sinne nahe, dass die gestiegene Bedeutung, die der Strategiebegriff in den vergangenen Jahren erfahren hat, möglicherweise für einen Wandlungsprozess im Werbesystem steht. Was Strategie auszeichnet und wie sich der Strategiebegriff inhaltlich definieren lässt, können Werbepraktiker dabei freilich in aller Regel nicht erklären. Ungeachtet dieser Unschärfe gewinnt Strategieentwicklung jedoch im Werbegeschäft ersichtlich an Bedeutung. In unserem Vortrag wollen wir der Frage nachgehen, welchen Ursachen sich dieser Bedeutungszuwachs verdankt und welche Rolle vor allem forschungsgestützte Strategieentwicklung im Prozess der Planung und Produktion werblicher Medienangebote spielt. Wir stützen uns dabei auf qualitative leitfadengestützte Befragungen von Entscheidern in der Agenturszene in Deutschland sowie auf die Analyse von rund 600 Dokumentationen von Finalisten des bekannten Werbewettbewerbs ‚Effieʻ, der als eine Art Leistungsschau der Branche großes Ansehen genießt. Das Feld der Werbung, so lässt sich zeigen, ist eine Sphäre geteilter Rationalitäten, in der forschungsgestützte Strategieentwicklung eine vermittelnde Funktion übernimmt – nicht obwohl, sondern gerade weil es sich dabei um ein inhaltlich nur vage bestimmtes Konzept handelt.
Jürg Häusermann (Tübingen): Räume der Wissenschaft. Spekulative Verfahren der Popularisierung von Naturwissenschaft
Abstract:
Die Popularisierung von Wissenschaft ist bis in die 1950er-Jahre hinein als einseitiger Bildungsauftrag der wissenschaftlichen Akteure gesehen worden. In den folgenden Jahrzehnten nahmen Konzepte aus dem Bereich der Unterhaltung einen immer breiteren Raum ein. Inzwischen sind wir in einer Ära dialogischer Ansätze angelangt, bei denen das Publikum sogar in aktuelle Forschungsprozesse einbezogen wird (vgl. Phillips 2011). Dies gilt nicht nur für Aktionen, die von der Wissenschaft ausgehen, sondern auch für wissenschaftsjournalistische Texte in interaktiven wie traditionellen Medien. Viele Studien gehen der Effizienz solcher Bemühen nach, „dialogisch“ und „partizipativ“ vorzugehen oder werfen die Frage auf, welche Informationsleistungen mit den traditionellen Formen über Bord geworfen werden (vgl. Kurath and Gisler 2009). Was fehlt, sind Untersuchungen der Meta-Ebene, in denen von einem medienwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus gefragt wird, welche Art der Wissenschaftskommunikation damit nachgestellt wird. Der Vortrag soll entsprechend zeigen, wie wissenschaftsjournalistische Texte neue Räume und neue Formen der Interaktion entstehen lassen, die sich von denen innerhalb des Fachs klar unterscheiden. Orte, Akteure und Publika, die ad hoc geschaffen werden, treffen sich zu Szenen, die in erster Linie auf sich selbst verweisen. Was in der Wissenschaft wirklich geschieht, bleibt offen für Spekulation.
8.3  Automatismen und Spekulation II:
Die Frage der Verfügbarkeit
HZ13
Moderation: Serjoscha Wiemer

Christian Köhler (Paderborn): Über Automatismen und
Spekulation in Geschichtsphilosophie und
Mediengeschichte
Abstract:
Schon klassische Positionen der spekulativen Geschichtsphilosophie beinhalten Modelle, die Strukturentstehung aus verteilten Systemen beschreiben. Der trotz allem „regelmäßige Gang der Weltgeschichte" (Kant) wird in ihnen dann auf im Verborgenen planende Instanzen zurückgeführt (z. B. Kants „planende Natur“ oder Hegels „List der Vernunft“). Spekulativ ist deren Erkenntnis, da sie auf einen Gegenstand geht, „wozu man in keiner Erfahrung gelangen kann“ (Kant). Wenn sich Geschichtsschreibung jedoch dadurch auszeichnet, dass ihr Gegenstand der sinnlichen Anschauung konstitutiv entzogen ist, sie sinnliche Anschauung in ihren Narrationen vielmehr stiftet, ist dann nicht jede Form historischer Erkenntnis notwendig spekulativ? Inwiefern sind also zeitgenössische Mediengeschichten, die Strukturentstehungen als mikrodeterminierte Prozesse denken, deren Ergebnisse ungeplant und kontingent sind, ebenfalls spekulativ?

Matthias Koch (Paderborn): „Spekulative Mediengeschichtsschreibung:
Zum Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität“
Abstract:
Kontinuitats und Diskontinuitätsannahmen unterlegen dem historischen Prozess jeweils strukturierende Automatismen. Diese entziehen sich in ihrem Wirken, sollen historiografisch jedoch Gestalt annehmen. Spekulative Automatismen haben also eine konstruktive Funktion, da sie Kausalität stiften und heterogene Phänomene bündeln können. Entscheidend ist dabei die theoretische Transparenz der zugrunde gelegten Annahme: Wird sie in ihrem spekulativen Charakter nicht reflektiert, nimmt sie als Automatismus der Spekulation bzw. blinder Fleck historiografischer Praxis selbst ‚automatistische’ Form an. Der Vortrag skizziert Spekulation anhand von Beispielmodellen als medienhistoriografisches Verfahren zur Reflexion der Wechselseitigkeit von Kontinuität und Diskontinuität. Sie schlägt zwischen ihnen – in dezidiert provisorischer Weise – eine sinnstiftende Brücke.

Lioba Foit (Paderborn): Ironische Identitätskonzepte  – Vom Spielen und Vergessen der Vielfalt
Abstract:
Dem Dilemma heterogener und konträrer Erwartungen und Anforderungen wird heute häufig über das Medium der Ironie begegnet. So lassen sich auf performative Weise polyvalente Bedürfnisse der Selbstkonstitution realisieren, ohne durch scheinbar widersprüchliche Rollenvorgaben limitiert zu werden. Spekulationen ob der Wahrhaftigkeit dieser Inszenierungen entscheiden sich, wenn überhaupt, in der Sicht des Betrachters und ausgehend von ihrer situativen Adäquatheit. Die Bezüge bleiben dabei – ein doppelter Twist der Ironieschraube – fixiert auf Konzepte, deren Kontingenz bereits erkannt wurde. Der/die Handelnde entzieht sich damit einer Festlegung; der diskursive Raum jedoch erzeugt aus den Signalen Figuren, die die Anschlussoffenheit der Ironie immer wieder korrumpieren. Ist der/die Handelnde schließlich (nur noch) Spekulant des eigenen Lebensentwurfs?

Martin Müller (Paderborn): Die leuchtenden Bäume von Cambridge - Synthetische Biologie, Hype, Spektakel, Design
Abstract: -


8.4  Film als Bildforschung – Spekulationen über das filmische Bild im Essayfilm
HZ14
Moderation: Ramón Reichert

Vrääth Öhner (Wien): Gedächtnis des Politischen. Zur Umschrift der Bilder in Chris Markers Le Fond de l’air est rouge
Abstract:
1977 kommt mit Chris Markers Le Fond de l’air est rouge eine essayistische Bestandsaufnahme dessen in die Kinos, was von den Idealen der sechziger Jahre übrig geblieben ist. Drei Stunden lang konfrontiert Marker die Zuschauer mit Ereignissen, die der jüngeren Vergangenheit angehören, wie dem Vietnamkrieg, dem Mai ’68 oder dem Prager Frühling sowie mit der Geschichte der Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Neben der Weitläufigkeit der Argumentation überraschen aus heutiger Sicht die Ausgangsmaterialien des Films – sie entstammen überwiegend der militanten Filmproduktion jener Dekade – sowie deren fiktionaler und poetischer Gehalt. Es ist, als hätte Marker mit Le Fond de l’air est rouge die aristotelische These von der Überlegenheit der Poesie über die Historiographie belegen wollen: Zeugt doch die Art und Weise, in der Marker die Abfolge der Ereignisse in einen spekulativen Zusammenhang bringt, von einem Grad an reflexiver Durchdringung des Gegenstands, der auch von der Historiographie nur in seltenen Fällen erreicht wird. In diesem Sinn soll Le Fond de l’air est rouge zum Ausgangspunkt weiter führender Überlegungen gemacht werden: Überlegungen, die beispielsweise die Poetik des dokumentarischen Films mit der Poetik der historischen Wissenschaft vergleichen, den wechselseitigen Beeinflussungen von Film und Geschichte nachspüren oder sich schlicht mit der Frage beschäftigen, ob es dieselbe Vergangenheit ist, die in den Bildern des Films vergegenwärtigt und in den Texten der Historie beschrieben wird.
Dagmar Brunow (Hamburg/Halmstad): Filmische Interventionen ins koloniale Bildarchiv: Der Essayfilm als Bildforschung am Beispiel des britischen Black Audio Film Collective
Abstract:
Das Black Audio Film Collective hat in den 1980ern Jahren in Großbritannien mit Handsworth Songs (Regie: John Akomfrah, 1986) und Twilight City (Regie: Reece Auguiste, 1989) einige wegweisende Essayfilme gedreht. Vor allem in ihrem Umgang mit Archivmaterial stellen die Arbeiten des Black Audio Film Collective eine filmische Versuchsanordnung dar, die auf der Einsicht beruht, dass sich Geschichte und Gedächtnis ehemals kolonisierter Bevölkerungsgruppen nicht unproblematisch anhand des überlieferten Foto- oder Filmmaterials rekonstruieren lässt. Da sich die Entstehung von Bildern nicht in einem herrschaftsfreien Raum vollzieht, ist ihr Entstehungs- und Distributionskontext stets mitzubedenken. Ein Film wie Handsworth Songs berücksichtigt dies durch seine selbstreflexive Verwendung von Archivmaterial und trägt so zu einer „Erneuerung des Sehens“ (Tode) bei. Durch das Ausstellen des filmischen Apparates und dem ihm inhärenten Rassismus gerät das Archivmaterial im Film nicht zum Authentizitätsversprechen, sondern zur Reflexion über die Ontologie des dokumentarischen Bildes und zu dessen subversiver Resignifizierung.
Maren Grimm (Wien): Das Gute, das Böse – und das Häßliche. Eine Spurensuche im Italowestern nach Motiven der Vergangenheitsbewältigung in postfaschistischen Gesellschaften
Abstract:
In der retrospektiven Analyse der Italowestern läßt sich ein Gewaltdiskurs skizzieren, der nahelegt, die Popularität dieser Filme im deutschen Kino der 60er und 70er Jahre als Symptom einer verdrängten Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit zu erklären. Die Sprache versagt, sowohl als erzählerisches Mittel der Filme als auch als Mittel der Verständigung zwischen den Charakteren. Kohärente Handlungen weichen alternierenden Montagen von scheiternden Dialoge und expliziten Gewaltdarstellungen. Die Städte sind öde, verwüstete Orte umgeben von leeren Landschaften, die Hauptdarsteller oftmals traumatisierte Charaktere, die, wie Sergio Leone über seine Protagonisten sagte, „Männer sind, die mit dem Tod leben.“ Aus der heutigen Sicht lassen sich die Italowestern als Agenturen des historischen Traumas der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft adressieren. Der Vortrag unternimmt anhand ausgewählter Beispiele den Versuch, Verhandlungsfiguren und Motive zu bestimmen, betrachtet die Koproduktionszusammenhänge in Italien, Deutschland und Spanien sowie die Reaktionen des deutschen Publikums und die Rezeption der Filme in den Feuilletons. Die Frage, inwieweit es sich hier um eine Spekulation handelt, stellt sich schon allein dadurch, dass es sich um eine Beweisführung anhand des Fiktionalen handelt, um damit nachträglich die Anwesenheit von etwas öffentlich Abwesendem zu belegen.
8.5  Ortsspekulationen
HZ15
Moderation: Harald Hillgärtner

Hedwig Wagner (Weimar): Spekulationen über den Grenzverlauf
Abstract:
In diesem Vortrag wird Spekulationen an der und zur territorialen Grenze nachgegangen und gefragt, wie Ungewissheiten über das örtliche Befinden auftreten und wie sich dies in Filmen, die Fluchten über die ‚grüne Grenze‘ zeigen, ausnimmt. Der Umgang der Filmfiguren mit GeoMedien (Karten, Kompass, z.B.) kann zum einen das spekulative Moment in der Interpretation der Raumdarstellung des vorfilmischen Territoriums mit sich bringen, kann zum anderen den filmischen Raum selbst ungewiss werden lassen und zu Spekulationen über die Beschaffenheit des Filmraums Anlass geben. Die exakte Ortsbestimmung als die den (Geo)Medien zugeschriebene Medienleistung ist im operativen Raumvollzug ein Spiel der Überführung der Spekulation in Gewissheit, ein Vorgang, der sich bei jeder Karten wie Filmlektüre vollzieht. Das besondere Spannungsverhältnis zwischen einer filmisch noch nicht verifizierten Annahme und einer exakten Ortsbestimmung, die in ihrem scheinbaren Evidenzversprechen OrtsGewissheit behauptet, steht hier auf dem Spiel. Bei der Spekulation über den Grenzverlauf, dargestellt im Film, gehen viele Spekulationen und hypothetische Annahmen zusammen bzw. auseinander. In welchem Verhältnis die verschiedenen Spekulationen, die vorfilmische OrtSpekulation mit der filmischen und beide wiederum mit den narrativen Spekulationen stehen, soll anhand von ‚ Grenzfluchtfilmen‘ dargelegt werden.

Stephan Günzel (Berlin): Der Eigenraum der Medien
Abstract:
Im Vortrag wird die These vertreten, dass sich die Geschichte von Medienumbrüchen als eine Veränderung von Räumlichkeit beschreiben lässt; mit anderen Worten, dass Raum eine umfassende Möglichkeit bietet, die Transformation von Kultur hinsichtlich von Kommunikationsmitteln zu analysieren. Zu diesem Zweck ist eine Unterscheidung zwischen der Räumlichkeit des Mediums und der Räumlichkeit seiner medialen Vermittlungsform hilfreich. Damit kann gezeigt werden, dass sich die These einer zunehmenden Enträumlichung durch Mediengebrauch nicht halten lässt, sondern Medien im Zuge etwa der Überbrückung von Distanz zugleich einen Eigenraum der Vermittlung – eben denjenigen ihrer Medialität – produzieren, dessen (geographische) Lokalisierung notwendig spekulativ ist. Diese Spekulation bezieht sich nicht nur auf die Orte kommunizierender Menschen, 2 sondern auch auf die Kaschierung der Orte, an denen die Daten archiviert sind, durch die Orte, die den Daten im Raum ihrer Präsentation zugewiesen werden.

Tristan Thielmann (Siegen): Beinahe Medien
Abstract:
Die Bestimmung eines diskreten Ortes durch Lokalisierungstechnologien wie dem Global Positioning System (GPS) ist gekennzeichnet durch ein spekulatives Vorgehen. Bis es zur Festlegung „Du bist hier“ kommt, ist ein Standort zunächst viele Standorte und die scheinbare Aufzeichnung einer digitalen Spur ist die Nachzeichnung soziotechnischer Graphen. Die Herausbildung eines GPS Standorts wie auch die Verbindung einzelner Geopunkte zu einem zurückgelegten Weg stellt sich als ein arbiträrer bildlicher Akt dar. Zur Ortsbestimmung braucht GPS zwar keine Karte, doch ohne die Kartographie hätte ein Geopunkt keine Bedeutung und in der Regel auch keinen Ausdruck. Durch SocialMediaAnwendungen wird diese strukturelle Determiniertheit erneut sichtbar. Die Selbsteditierbarkeit von NavigationsApps signifiziert, dass sich mobile Medien immer nur seiner tatsächlichen Position und Wegbereitung annähern. Dabei handelt es sich um eine Ortskonzeption, die der transitorischen Ortsvorstellung der Inuit entspricht, in deren Verständnis Personen zu Weglinien werden, sobald sie sich bewegen. Der Umherziehende ist instantiiert in einer Welt von Wegen ohne festes Ziel. Diese amoderne Vorstellung kommt durch mobile Medien erneut zum Ausdruck, in der Orte bereits immer schon Wege sind. Medien dienen hier und darüber hinaus an jedem Hier vor allem dazu, den Eindruck der Diskretheit eines Standorts und den Eindruck der Kontinuität eines zurückgelegten Weges zu vermitteln. Insofern verweisen mobile Medien auf das, was sie immer schon waren und sind: ein Beinahemedium.

Regine Buschauer (Basel): On Location
Abstract:
Location wird, im Blick zumal auf sog. ortsbasierte Medien, oftmals als Ort im Sinne eines Realräumlichen ausserhalb der Medien begriffen. Der Vortrag/Beitrag fokussiert demgegenüber location als mediale Verortung bzw. als Begriff des Spekulativen und der Ambiguität und fragt danach, inwiefern und in welcher spezifischen Weise Medien ‚location‘ als Ort definieren und konfigurieren. Die Formulierung „on location“ als Bezeichnung in der Filmproduktion für den Schauplatz und (kulissenhaften) Ort der medialen Aufzeichnung wird in diesem Rahmen zum Ausgangspunkt, nach Formen der medialen location jenseits der Gegenüberstellung von Realraum und medialer (Bild) Räumlichkeit zu fragen. Herausgestellt wird somit ein relationaler und medialer Begriff der location als einer Verortung, die sich im jeweiligen medialen Bezugsrahmen erst als Ort definiert.


8.6 Spekulative Subjekte, Objekte und Konzepte
HZ10
Moderation: Vinzenz Hediger

Katrin Solhdju (Berlin): Spekulation in Aktion
Abstract:
Schafe galten lange Zeit als zu dumm und zu uninteressant, um zu denjenigen Tieren gezählt zu werden, die einer ausführlichen Ethologie würdig wären. Was man über ihr Verhalten wusste ging zu großen Teilen in Begriffen der Rivalität auf. Mit den Forschungen der Ethologin Thelma Rowell sind Schafe um vieles interessanter geworden, ja sie haben begonnen, sich die „Ehrenprimatenschaft“ (Despret) zu verdienen. Diese Transformation der Schafe ist eng mit Rowells experimenteller Praxis verbunden, die sich als spekulativ begreifen lässt. Zur Fütterung ihrer 22 Schafe stellte Rowell stets 23 Futterschalen zur auf. Die 23. Futterration eröffnet den Schafen die Möglichkeit, andere, ihnen wichtige, soziale Eigenarten und damit einen anderen, weniger eindimensionalen SchafsExistenzmodus zu artikulieren. Nicht das Experimentalsystem artikuliert also das Versuchstier sondern den Schafen wird die Chance gegeben, das sie betreffende Experimentalsystem zu artikulieren. Die 23. Schale ist also eine Möglichkeitsschale, ein spekulatives Objekt oder Medium, das nicht nur eine interessantere Version des SchafWerdens vorführt, sondern auch die Forschungen der Ethologin interessanter, bedeutsamer, überraschender werden lässt. Die 23. Futterschale könnte auch als Proposition bezeichnet werden, als ein Vorschlag oder „lure for feelings“ (Whitehead). Solche Köder oder Attraktoren auszuwerfen und in der 3 Praxis experimentell zu erproben, sei es durch die Implementierung neuer Objekte, Subjekte oder Konzepte, ließe sich dann auch als ethische wie politische Herausforderung des Spekulativen an kultur und medienwissenschaftliche Forschungen begreifen. Das Gelingen spekulativer Interventionen würde sich auch hier daran messen, inwiefern sie in einer konkreten Situation dazu beitragen, es einer maximal großen Anzahl von Akteuren zu ermöglichen, sich auf neue, interessantere Weise zu artikulieren. Das heißt, dass Spekulation sich nicht im Rücken derjenigen vollziehen darf, über die sie spricht (Haraway), sondern vielmehr als eine Praxis der Fürsprechens zu verstehen wäre.

Anton Schröpfer (München): Nano Zukünfte Nanomedizinische Forschung zwischen zukunftsabsorbierenden Fiktionen und Spekulativen Interventionen
Abstract:
Westliche Volkskrankheiten wie Krebs, Arteriosklerose oder Arthrose bleiben für die medizinische Forschung seit ihrer Erkundung weitgehend ungelöst und benennen somit hoch komplexe Problemzusammenhänge. Dies soll ein schnelles Ende haben, folgt man der politischen und forschungspolitischen Rhetorik sogenannter nanomedizinischer Innovationen, die das Verständnis von Krankheiten wie Krebs, Tumore und Arthrose zu 'revolutionieren' gedenkt. Die Bandbreite der damit verbundenen Visionen ist groß und reicht von der Rede eines risikosensiblen und nachhaltigen Beitrags für die Zukunft der Medizin bis zur Möglichkeit der 'Heilung' und gar 'Ausrottung' solcher lebensbedrohender Krankheiten. Der Blick in die konkrete nanomedizinische Forschung jedoch zeigt, dass derartige 'Nano Visionen' – trotz aller Rede von Nachhaltigkeit und RisikoSensibilität – sich als übereilte und unterkomplexe Fiktionen einer vielmehr 'zukunftsabsorbierenden' Rhetorik zeigen. Solche 'NanoFiktionen' treffen im Labor auf kontroverse und langwierige, nichtwissenbeladene und zukunftsprovozierende Prozesse konkreter spekulativer Interventionen nano medizinischer Forschungspraxis. Diese Prozesse artikulieren und suggerieren eine widerständige 'Ökologie der Praktiken' (I. Stengers) von emergierenden Subjekten, Objekten 4 und Konzepten, die vielmehr einer Entschleunigung bedürfen um innovativ werden zu können. Der Vortrag zeigt anhand nanomedizinischer ArthroseForschung wie die im Labor entstehenden spekulativen Interventionen zu ambivalenten Vermittlern von je unterschiedlichen NanoZukünften werden.

Joost van Loon (Ingolstadt): Das Turiner Grabtuch Zur spekulativen Vielfalt eines virtuellen Objekts
Abstract:
Die kontroverse Geschichte des Turiner Grabtuchs ist zugleich die Geschichte eines hybriden Objekts von Wissenschaft und Religion, das als Vermittler kollektiven Glaubens oder Nicht Glaubens fungiert. Die Kontroversen sind vielfältig und komplex: Fragen und Dispute über die Echtheit oder Falschheit verbinden sich mit wissenschaftlicher Datierungsmöglichkeit, richtiger oder falscher Materialitätsforschung, wahrer oder falscher Agnostik und sollen Auskunft geben über die Bedeutsamkeit des Glauben an die biblische Wahrheit oder deren Unwahrheit. In der Darstellung von Christus versammelt, haben diese Kontroversen eines gemeinsam: Sie versuchen die Unbestimmtheit der wahren Natur des Grabtuches zu bestimmen und zu stabilisieren. Dennoch – und das scheint die Realität des Turiner Grabtuches auszumachen – es war, ist wird immer ein virtuelles, d.h. spekulatives Objekt bleiben. Mit Hilfe Gabriel Tardes' Soziologie des Möglichen analysiert der Vortrag die Mediatisierung eines solchen spekulativen Objekts und zeigt wie Praktiken des "Überzeugens" und "Begehrens" von Wirklichkeit sowohl in religiöser als auch in wissenschaftlicher Praxis gestaltet werden. Darüber hinaus wird diskutiert, ob und wie der hier vorgestellte "spekulative Realismus" zur Konzeption einer prozessorientierten (Re)konstruktion von gesellschaftlicher Wirklichkeit beitragen kann.

Michael Schillmeier (München): Das spekulative Ich –Zur Bedeutung der Demenz für einen Ethos des Sozialen
Abstract:
Ergriffen [prehended] von der Demenz begibt sich Frau M auf die Suche nach der verlorenen Zeit, den Menschen und Dingen. Frau M wird zum spekulativen Ich und befindet sich wie Marcel Prousts 'Ich' in einem Zustand des Dazwischen, voller bruchstückhafter Erinnerungen und unheimlichen Ungewissheiten über das was war, ist und kommen wird. Anders als bei Proust jedoch wird dieses Dazwischen nicht von kurzweiligen Momente des Aufwachens und Einschlafens evoziert, sondern es ist das Einnisten der Demenz im Alltag von Frau M., wovon dieser Vortrag erzählt. Die Präsentation analysiert den mit dem Grimme Preis ausgezeichneten ethnographischen Film ‘Der Tag der in der Handtasche verschwand’ von Marion Kaintz und rekonstruiert die soziale und politische Bedeutung spekulativer Praxis am Beispiel (pre)seniler Demenz. Dabei stehen die Mediatisierungsprozesse von materialen und immaterialen (affektualen und emotionalen) Erinnerungszeiträumen im Mittelpunkt, die sich an der Schnittstelle von Wissen und NichtWissen zeigen. Konzeptuell verbindet der Vortrag die Heuristik der Akteurnetzwerktheorie mit anderen prozessorientierten Ansätzen (Heidegger, Tarde, Stengers, Whitehead etc.) und plädiert für einen Ethos des Sozialen, der die Möglichkeit der Differenz und ihrer Akteure in den Mittelpunkt rückt.

8.7 Spurensuche zwischen Fakten und Fiktionen: Narrative und ästhetische Verfahren
der Spekulation
HZ5
Moderation: Skadi Loist

Christoph Klimmer (Hamburg): Spekulationen über Begriffe. Warum die Geisteswissenschaften sich (nicht) in Geldgeschäfte einmischen sollten
Abstract:
Spätestens seit dem Beginn der Finanzmarktkrise im Jahr 2008 rückt das Kapital immer mehr ins Zentrum einer auch interdisziplinär geführten Debatte. Bereits 2001 konstatierten Hardt und Negri die Existenz einer monetären Sphäre, die sich an keinen residualen Raum mehr zurückbinden lasse und einer iterativen Eigendynamik unterliege, die nur ihren eigenen, nicht aber institutionellen Gesetzen unterworfen, in einen stetig steigenden Machtgewinn ihrer selbst münde. Joseph Vogl schlägt in seiner kulturwissenschaftlichen Studie über die Entwicklung des Kapitals zwar eine andere Rhetorik an, steht inhaltlich aber durchaus in einer ähnlichen Tradition. Er entlarvt die Vorstellung einer „unsichtbaren Hand“, die nach Adam Smith aus dem Prinzip des Eigennutzes heraus resultiere, dabei aber paradoxerweise dadurch für das Wohl aller sorge, indem sie den Markt stabilisiere und ordne, angesichts der massiven Krisen und Einbrüche als irrational. Der Glaube an diese „unsichtbaren Hand“ sei in Anlehnung an Leibniz' Theodizee eine „Oikodizee“. Der Markt könne sich nicht mehr selbst regulieren; die Begriffe und Paradigmen, die traditionell angewandt würden, um ihn zu analysieren und zu begreifen, seien obsolet geworden. Folglich bedarf es neuer Ansätze, neuer Ideen und Modelle. So bemühen sich die Geisteswissenschaften, sich dem Problem mit ihren eigenen Begriffen zu nähern. Ausgehend von der Beobachtung, dass das global zirkulierende Kapital keinen realen Gegenwert mehr habe, machen sie eine gebrochene Referenz aus zwischen den Zeichen – den Zahlen und Beträgen der digitalen Transaktionen – einerseits und dem gegenständlichen Kapital – der ‚Realwirtschaft’ – andererseits, wodurch sie Begriffe wie ‚Virtualität’ und ‚Fiktionalität’ anwendbar machen. In dem Vortrag soll es darum gehen, zu überprüfen, ob und unter welchen Umständen eine „Einmischung“ fachfremder Disziplinen in die Debatte zielführend sein kann sowie zu eruieren, wohin eine Weiterführung dieser „Wahlverwandtschaften“ führen kann, wenn die eigentlich zuständige Disziplin zu scheitern droht.
Julia Schumacher (Hamburg): Spekulation und Verfremdung
Abstract:
Der Charakter des Spekulativen im Sinne des Mutmaßlichen ist dem historischen Erzählen an sich und so auch seinen diversen Formen in Film und Fernsehen immer zu eigen. Die Evidenz des bewegten fotografischen Bildes jedoch generiert einen Eindruck des „sogewesenseins“. Darauf aufbauend haben sich innerhalb der Film und Fernsehgeschichte verschiedene formalästhetische Strategien der Verschleierung des spekulativen Inhaltes herausgebildet, genauso aber auch Methoden des selbstreflexiven Umgangs mit diesen Mitteln, die auf eine Bewusstmachung der Gestaltungsprinzipien zielen. Diese, auch als Verfremdung bezeichneten Verfahren sollen die ästhetische Erfahrung „entautomatisieren“ und – zumindest im Sinne Bertolt Brechts verstanden – die Rezipient_innen von dem dargebotenen Inhalt distanzieren. An dieses Konzept knüpfte der deutsche, 2007 verstorbene Regisseur Egon Monk in seinen Fernsehspielen und filmen für die Erzählung der bundesdeutschen Gegenwart und Zeitgeschichte an (z.B. ANFRAGE, 1962; EIN TAG, 1965; DIE GESCHWISTER OPPERMANN, 1983; DIE BERTINIS, 1988). Dabei ging es ihm darum, die „in der Wirklichkeit verdeckten oder versteckten Zusammenhänge [...] im Film erkennbar und begreiflich zu machen“. So kombinierte er beispielsweise in kontrastierender Form Spielszenen mit dokumentarischen Materialen und suchte durch die Vermeidung der analytischen Montage (Bazin) die rezeptionsseitige Einfühlung in Protagonist_innen und ihre Situationen zu verhindern. Ob derartige filmischen Verfahren der Verfremdung jedoch gleichfalls geeignet sind, das thesenhafte der Repräsentation historischer Zusammenhänge kenntlich zu machen, wird zu prüfen sein. Zu fragen ist an dieser Stelle, inwieweit die rezeptionsseitig anvisierte Distanz vom repräsentierten Gegenstand auch definitive ‚Aussagen’ zu diesem in der Repräsentation voraussetzt. Können die formalästhetischen filmischen Mittel der Verfremdung gleichzeitig das Spekulative der historischen Erzählung offen legen? Oder evozieren sie nicht vielmehr ebenso und sogar in besonderer Intensität den Eindruck des „sogewesenseins“?
Andreas Stuhlmann (Hamburg): Spurensuche am Ort der Spekulation
Abstract:
Der Vortrag beschäftigt sich mit zwei Videoarbeiten des usamerikanischen Künstlers Zachary Formwalt. Sowohl The Place of Capital (2009) als auch Reading the Economist (2010) stellen Versuche dar, an konkreten Orten wie dem Royal Exchange in London, dem Central Park in New York und der Gouden Bocht an der Amsterdamer Herengracht die von Finanzspekulation angetriebenen unsichtbare Ströme des Kapitals mit Hilfe von Fotografie und Film sichtbar zu machen. Es ist diese Verbindung von dokumentarischer Praxis und Narrativen aus der Philosophie, Geschichte und Kulturtheorie, die den spekulativen Reiz der Essays ausmacht. Denn ganz bewusst kontrastiert Formwalt in seinen essayistischen Filmen historisches Bildmaterial, Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Filmausschnitte, die er als eine Art visueller Belegstruktur oder Beweisführung darbietet. Dennoch bleiben einige Aussagen spekulativ, das Narrativ trägt fiktionale Züge.
Nicola Valeska Weber (Hamburg): Fiktion als Spekulation: Darstellungs- und Rezeptionsmodi des Biopics
Abstract:
Als Spielfilm ist der biographische Film/das Biopic fiktional und damit eine Spekulation über die Identität bzw. den Lauf des Lebens einer historischen Persönlichkeit. Gleichzeitig erhebt das Biopic den Anspruch auf historische Referenzialität. Ausgehend von seinem Gegenstand und dessen Form zeichnet sich der biographische Spielfilm damit durch ein graduelles Spiel von Fakten und Fiktion aus, das sowohl auf der inhaltlichen als auch der ästhetischen, der textuellen und kontextuellen Ebene auszumachen ist. Dieses grundlegende, nur scheinbare Paradoxon, wird mit einer Reihe von paratextuellen und narrativen Strategien zugleich gelöst und selbstreflexiv hervorgehoben: Eine Einladung bzw. eine Aufforderung an die Rezipient_innen, die Darstellung in einem bestimmten Modus zu rezipieren, sie nicht als ‚Realität’ oder ‚Wirklichkeit’ zu verstehen, sondern sie innerhalb der generischen fiktionalen Welt als schlicht möglich bzw. wahrscheinlich anzunehmen. Als retrospektive Kategorie ist das Konzept Genre per definitionem bereits Spekulation. Dieser dem Konzept eingeschriebene Charakter setzt sich im Einzelgenre Biopic sowohl auf der Ebene der narrativen als auch der wirkungsästhetischen Mechanismen fort: Das Dargestellte kann auf seinen Wahrheitsgehalt hin überprüft werden, letztlich sind wir als Zuschauer_innen jedoch darauf angewiesen die Frage nach der Wahrscheinlichkeit aus der Betrachtung der Artefakte und ihrer Kontexte selbst zu beantworten. Ziel des Vortrags ist es an Hand aktueller und historischer Beispiele den für das Biopic spezifischen Modus des Spekulierens darzustellen und zu hinterfragen.

8.8 Die Medien der „Accountability“ II: Fallstudien
NG 1.741a
Moderation: Erhard Schüttpelz

Dirk vom Lehn (London): Sehen ‚accountable’ machen: eine ethnomethodologische Analyse der Arbeit von Optometrikern
Abstract: -

Stephan Habscheid (Siegen): Sicherheit im öffentlichen Raum: Accountability zwischen Geosemiotik und Ubiquitous Computing
Abstract: -

Cornelius Schubert (Siegen): Accountability des Ungewissen. Seriöses Spekulieren am Beispiel computersimulierter Prognosen
Abstract: -

Johannes Paßmann/Tristan Thielmann (Siegen):
Kontoführungsprobleme beim Twittern: How to unfollow the natives
Abstract: -

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